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Förderung der «Volkskultur» – aber wie?

22.10.2008 — Die Kulturförderung des Bundes in Form der Stiftung Pro Helvetia hat sich auf politischen Druck hin der «Volkskultur» verstärkt geöffnet. Sie tut sich im Grunde genommen aber immer noch schwer damit. Mit «echos – Volkskultur für morgen» hat sie ein eigenes Programm zur Förderung der Volkskultur lanciert, das die Eigenheiten des aktiven Musizierens in Chören, Folkloregruppen, Harmoniemusiken und den Kirchen landauf- und landab nicht wirklich aufnimmt, sondern diesen die typisch urban-intellektuellen Grundprinzipien überstülpt: Kernanliegen des Programms sind betontermassen Innovation als ästhetisches Prinzip und die Debatte als Form der Auseinandersetzung. Dass damit auf subtilere Weise die Abgrenzung der relevanten Hochkultur zur angeblichen «Volkstümelei» bereits wieder vollzogen ist, zeigt die eher widerstrebende Art, mit der die Auswahlkriterien der «Innovation» und der «Professionalität» dann doch noch relativiert werden. Laut Pro-Helvetia-Direktor Pius Knüsel sollen in Zukunft auch «beispielhafter Umgang mit Tradition» und «Anspruch nach fachlicher Anerkennung» als Kriterien gelten (dies zumindest ist der Berichterstattung der NZZ zum Abschlussfest des Programms in St. Gallen zu entnehmen).

Volkskultur, so das Bauchgefühl auf Pro-Helvetia-Seite, darf auf Bundesebene nur stattfinden, wenn sie den Regeln derjenigen gehorcht, die sie im Grunde genommen in ihrer Eigenheit nicht ernst nehmen. In einem Gastkommentar im rechtsbürgerlichen Blog «Winkelried» («Intelligente Menschen gegen Links») bringt der SVP-Nationalrat Theophil Pfister das Unbehagen auf den Punkt: «Ein solches Programm kann nicht funktionieren, schon gar nicht, wenn Berufskulturschaffende künstlich auf Volkskultur machen wollen, wenn Geld statt Herz der Antrieb ist. Volkskultur lebt nicht im Salon, Volkskultur lebt ohne intellektuelle Überhöhungen, ohne eine Zielsetzung nach Stars und Hochkultur – eben ganz einfach aus dem Volk heraus.»

Pfisters Unterstellung, Berufkulturschaffende seien bei ihrer Hinwendung zur Volkskultur einfach aufs Geld aus, ist natürlich dümmlich. Seine Skepsis gegenüber intellektueller Überhöhung ist jedoch bedenkenswert. Wenn «echos» scheitert − was nichts anderes bedeutet, als dass es von den Betroffenen nicht als etwas betrachtet wird, mit dem sie sich identifizieren können und das ihnen etwas bringt − dann möglicherweise, weil es sich gerade den Differenzen im Lebensgefühl von Urbanität und Landschaft verweigert, die es zu überbrücken vorgibt, und sich zugunsten von ersterer vorentscheidet.

Was wäre also zu tun? Statt von Volkskultur «Debatten» und «Innovation» zu fordern, müsste die Förderung zunächst die Frage stellen, wie sich in Volkskulturen Wandel vollzieht und welche Eigenheiten dafür verantwortlich sind, dass diese von ihren Anhängern als erstarrt oder lebendig empfunden werden − mit andern Worten: Welche Gegenstücke zu «Debatten» und «Innovation» in diesem Umfeld überhaupt funktionieren.

Es gilt nämlich, zwei Dinge auseinanderzuhalten: zum einen die urmenschliche Tendenz zum Verharren in Vertrautem (inklusive Ausgrenzung alles Fremden und dessen, was das Verharren bedroht). Bigotterie und Kleinbürgertum findet sich aber in allen Volksschichten und politischen Lagern. Es findet sich auch in der intellektuellen Hochkultur. Zum andern die Regeln, nach denen sich Gemeinschaften erneuern und nach denen sie ihre Konflikte bewältigen. Diese sind in der «Volkskultur» möglicherweise etwas andere als in der «Hochkultur».

Man kann eine provokativ anmutende, aber durchaus plausible Gegenthese zur Vorstellung formulieren, dass die Volkskultur wegen einer im gemeinen Volk gegenüber der urbanen Dynamik ausgeprägteren Tendenz zu Verharren und Ausgrenzen unbeweglich geworden ist und zu verstauben droht. Wenn gewisse musikalische Volksbewegungen, etwa das volkstümliche Chorwesen, in den letzten Jahrezehnten einen Niveauverlust hinnehmen mussten, so hat dies möglicherweise viel eher mit einem Verlust an Solidarität der «innovativen» und «debattierfreudigen» Berufskulturschaffenden zu tun. Chöre, Harmoniemusiken und Folkloregruppen nehmen Anregungen (auch kühne) nämlich durchaus an, wenn sie von Persönlichkeiten stammen, die in ihrem sozialen Umfeld verankert und bereit sind, mit offenen Ohren und Augen über längere Zeit kontinuierlich einen Weg mit ihnen gemeinsam zu gehen. Echte Volkskultur ist eben – wie Pfister richtigerweise bemerkt – nicht die Kreation öffentlichkeitswirksamer Zurschaustellungen, sondern gelebter Alltag.

Die volksverbundenen Musikverbände sind dabei allerdings auch aufgerufen, aktiv zu werden und die dargebotenen Hände nicht zu ignorieren. Als mögliche Partner zeigen sich mit aktuellen Veröffentlichungen in der Reihe Neue Volksmusik von Musiques Suisses Vertreter des orchestralen Jazz und der gehobenen Salonmusik, die sich auf originelle, in sich stimmige Weise mit der Schweizer Volksmusiktradition auseinandergesetzt haben.

Der Luzerner Jazzmusik-Komponist Christoph Baumann hat für eine reduzierte Bigband-Besetzung eine witzige Collage aus Ohrwürmern des populären Liedgutes des Landes geschaffen, die manchmal fast (aber nur fast) in den Gag abrutscht, ansonsten aber solide Arbeit am Blechbläsersatz präsentiert. Ein nächster Schritt könnte sein, Baumann von der Musikommission eines kantonalen oder kommunalen Harmoniemusik-Vereins mit einer Originalkomposition fürs nächste Kantonalmusikfest zu beauftragen. Inbegriffen sein müsste ein mehrwöchiger Workshop, in dem der Tonsetzer seine Ideen in Zusammenarbeit mit einer traditionellen Harmoniemusik zu einer Partitur weiterentwickeln würde, zu der alle Beteiligten stehen könnten und die dann auch Chancen hätte, ins Standardrepertoire der Musikverbände Eingang zu finden. Erst dann könnte von einem echten Austausch gesprochen werden und nicht einfach von einer Usurpation der Volksmusik durch urbane «Akkordarbeiter».

Derartige Brücken zu schlagen, wäre sicherlich auch das Schweizer Oktett in der Lage, das mit «Marchstei» eine nicht minder stimmige und anregende Produktion realisiert hat. Die spätklassische Oktettbesetzung mit Streichern und Holzbläsern erlaubt teils kühne, teils verblüffende Klangmixturen. Die Eigenkompositionen aus dem Umfeld des Ensembles und aus der Sammlung Hanni Christen sind auf unterschiedlichem Niveau − von in sich stimmigen und gut austarierten Kleinoden bis zu eher unausgereiften und holprigen Charakterstückchen findet sich da alles. Eine wichtige Brücke schlägt hier die experimentierfreudige Jodlerin Nadja Räss, die sowohl mit gestandenen Grössen der Volksmusik wie Willi Vallotti auftritt als auch als Kunstlied- und Operettensängerin in Erscheinung tritt. (wb)

Baumann Large Ensemble: Kein schöner Land. Eine imaginäre Schweizerreise, Musiques Suisses MGB-NV 4.
Schweizer Oktett: Marchstei, Musiques Suisses MGB-NV 5.
Mehr Infos: www.musiques-suisses.ch

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