15.05.2007 — Der 1943 in Lugano geborene Francesco Hoch hat am Konservatorium von Mailand Komposition, Gesang und Dirigieren studiert und sich im legendären Studio di Fonologia Musicale der italienischen Rai sowie in Darmstadt mit den Techniken der elektroakustischen Tonkreation vertraut gemacht. Aus diesem Fundus an Fertigkeiten schöpfte er, als er in den Jahren zwischen 1995 bis 2000 an seinem multimedialen Spektakel «The Magic Ring» arbeitete, mit dem ihm rund um die zahlreichen Bedeutungsschattierungen des «Rings» eine hochintelligente Verschränkung von fantastischen Welten, Schöpfungsmythen und dem innersten Heiligtum der Hochfinanz – dem Börsenring nämlich – gelungen ist. In lockerer Abfolge fügt Hoch in dem Wurf Tableaus aneinander, die wie eine Übersetzung von Bildern Albrecht Dürers oder Hieronymus Boschs in die modernen Metaphern elektronischer Kommunikation und Börsenwelt anmuten.
Die feingliedrige und überaus klangsensible Geräuschkomposition eines vorfabrizierten Tonbandes wird dabei von je drei Gitarristen und Schlagzeugern gespiegelt, die vergleichbare, aber physischere Perkussions- und Geräuschklangwelten generieren. Je drei männliche und weibliche Singstimmen bringen mit melodiösem Sprechgesang und kunstvoll kontrapunktisch verwobenen Lautfolgen die erzählerischen Elemente ins Geschehen.
Ein brillanter Einfall bestimmt bereits den Prolog: Ein elektronischer Urknall entlässt die einfachsten Formen der Sinsustöne in virtuelle Räume. Aus diesen wachsen in einer irisierenden Genesis Akkorde, Tontrauben und schliesslich Rauschen und das Pulsieren eines Weltenherzes – nicht ohne dass eine sonore Erzählerstimme aus dem Off erklärt, der Teufel habe am achten Tag den Ring erschaffen (im italienischen Original «all ottava giorno satana creó il Ring» klingt noch eine diebische musikalische Konnotation mit).
Dem Prolog folgen neun «Sitzungen». Die Szenen reichen von der Beschreibung der Nostalgie über das Lob der Technologie, die Magie des Börsengeschäftes (mittels Tiermetaphern und dem faustischen Hexeneinmaleins) und die Huldigung der Liebe, einem Sirenengesang als Versuch, die schweren Krankheiten der Börsianer zu retten – bis zum Erwachen des Marktes. Die Liebe allerdings ist ein Gefühl, das «an der Börse unbekannt» und als Form des Transfers «im therapeutischen Bereich verboten ist», und der Hörer ertrinkt beim Erwachen der totemistischen Gottheiten in einer kontrapunktischen Flut von Handy-Klingeltönen, bis ihn ein grotesker Marsch aus der ebenso verwirrenden wie attraktiven Welt des Rings wieder hinausträgt.
Das Werk ist bisher bloss einmal und auch nur in konzertanter Form zur Aufführung gekommen – am 13. April 2002 in Mailand. Auch die CD, der eine Studioaufnahme im Auditorio Stelio Molo des Tessiner Radios vom Dezember 1999 zugrunde liegt (Musikregie: Jürg Jecklin), kann nur einen sehr fragmentarischen Eindruck des Gesamtwerkes vermitteln. Ein Szene, die bloss theatralisch angelegt ist, entfällt vollständig. Aber selbst in dieser reduzierten Form wirkt «The Magic Ring» über weite Strecken überaus inspiriert. Das Gitarrentrio Basel, das Basler Schlagzeugtrio und die Solisten Stéphanie Burkhard, Magali Schwartz (Sopran), Susanne Otto (Kontraalt), Leopold Kern, Hubert Meyer (Tenor) und Matthias Schadock (Bariton) stehen unter der Leitung von Zsolt Nagy. Das Tonband der Aufnahme ist von Alistair Zaldua am Heinrich Strobel Experimentalstudio des Südwestrundfunks realisiert worden. (wb)
Francesco Hoch: The Magic Ring, MGB CD 6251, www.musiques-suisses.ch