03.06.2013 — Nicht jeder renommierte Komponist des 20. Jahrhunderts wird anlässlich seines 50. Todestags so opulent geehrt wie Francis Poulenc: EMI Classics widmet dem vielseitigen Franzosen eine Box mit 20 CDs, auf denen annähernd das gesamte Schaffen Poulencs präsentiert wird.
Sein Werk konnte ausserhalb seines Heimatlandes nur in Ansätzen Fuss fassen. Es sperrt sich gegen die Ernsthaftigkeit und den emotionalen Nachdruck der deutsch-österreichischen Tradition mit pariserisch-mediterraner Heiterkeit, charmantem Witz, bissiger Ironie, formaler Lockerheit und einer Transparenz der Faktur, in der harmonische Raffinesse und durchwegs die eingängige Melodie herrschen.
Der unverkrampfte, von manchen als provokant und amateurhaft empfundene Umgang mit der hehren Tradition vom Mittelalter bis in Klassik und Romantik trug ihm Ablehnung, gar Hohn ein, unbeachtet dessen, dass Poulenc, der Multistilist und Assimilierer, eine Brücke schlug zwischen der französischen Musik und der deutschen Tradition und beide in ein an wechselseitigen Einsichten reizvolles Spannungsfeld brachte. Erst in jüngerer Zeit entdeckt ein breiteres Publikum den Zugang zu einem Schaffen, das geprägt ist von höchst origineller, eleganter und im besten Sinn divertierender Qualität.
1899 in Paris geboren und zum Pianisten ausgebildet, lernte Francis Jean Marcel Poulenc nach dem frühen Tod seiner Eltern Milhaud, Auric und de Falla kennen und schloss sich 1917 Saties «Les Nouveaux Jeunes» und später dem «Groupe des Six» an: Abkehr von der Spätromantik, hin zu einer neoklassischen Ästhetik, offen für Provokationen, Experimente und Stile.
Seit seiner Jugend autodidaktisch komponierend, nahm er ab 1921 Unterricht bei Koechlin und erhielt von Diaghilew den Auftrag, für die «Ballets Russes» zu komponieren. Neue Musik gewann Poulenc, indem er alte sezierte, nach anderem Muster mit bewusster Unterkühlung wieder zusammenfügte, mit tradierten Formen und Gattungen jonglierte, allerdings ohne avantgardistische Absicht.
Zu den Schwerpunkten in Poulencs Schaffen zählen die 30 Klavierwerke (vom technisch einfachen bis zum hohen Schwierigkeitsgrad, die Zyklen mit zum Teil miniaturhaften Charakterstücken), die 27 Konzerte und sinfonischen Kompositionen und die fünf Dutzend mehrteiligen Chansons und Mélodies, die meisten für Singstimme und Klavier, einige für Chor. Am Flügel trat Poulenc vor allem als Partner des Baritons Pierre Bernac in Erscheinung, den er während 25 Jahren begleitete und für den er viele seiner Lieder schrieb.
Die andere Seite des Pariser Bonvivants: Der Verlust geliebter Menschen und eine manisch-depressive Erkrankung liessen ihn nach der Konversion zum Katholizismus ab 1936 eine Reihe sakraler Werke, überwiegend auf lateinische Texte und in klassizistischem, zuweilen asketischem homogenem Stil schaffen, die Poulenc von seiner ernsten, durch Schwermut überschatteten Seite zeigen. Thematisch dazu gehört die dreiaktige Oper «Dialogues des Carmélites» (1957 an der Mailänder Scala uraufgeführt, eingespielt 1958), das eindrückliche Bühnenwerk nach einem Schauspiel von Georges Bernanos.
Die Liste der Interpretenschar, die sich – überwiegend von den Fünfziger- bis in die Neunzigerjahre (eine Aufnahme datiert von 1941, die jüngste von 2011) – für Poulenc einsetzen, ist umfangreich und respektheischend. Um einige zu nennen: Elly Ameling, Gabriel Bacquier, Pierre Bernac, Denise Duval, Nicolai Gedda, Mady Mesplé, Jessye Norman, William Parker, Michel Sénéchal, Gérard Souzay, Rita Streich, José Van Dam; als Instrumentalisten Gabriel Tacchino, Jacques Février, Dalton Baldwin, Francis Poulenc (Klavier), Maurice Duruflé (Orgel), Emmanuel Pahud (Flöte), Maurice Bourgue (Oboe), Alan Civil (Horn), Frank Peter Zimmermann (Violine), Pierre Fournier (Cello). Ensembles, Chöre und Orchester aus Paris, Monte Carlo und London werden geleitet von Georges Prêtre, Pierre Dervaux und André Cluytens.
Zwanzig CDs in einer sieben Zentimeter dicken Kartonbox: Diese Gesamtausgabe legitimiert sich durch den künstlerischen Rang, die Vielseitigkeit und die Ausstrahlung von Poulencs Œuvre, sie überzeugt zudem durch die exzellente Qualität der Interpretationen (manche kamen unter des Komponisten Aufsicht bzw. seiner Mitwirkung zustande) und der untadeligen Aufnahmetechnik. Nicht zu vergessen das 138-seitige illustrierte Beiheft, das nebst einer Würdigung von Poulencs Leben und Schaffen Besprechungen aller eingespielten Kompositionen enthält. Verständlicherweise nicht enthalten ist die Fülle der vertonten Texte; Zugriff auf sie bietet sich via Poulencs Homepage. (ws)
Francis Poulenc: Œuvres complètes. 1963–2013. L’Édition du 50e Anniversaire. Œuvres pour piano; Musique de chambre; Concertos; Musique symphonique; Musique religieuse; Œuvres lyriques (Bühnenwerke); Mélodies & Chansons. Einspielungen von 1941 bis 2011. Diverse Interpretinnen, Interpreten, Chöre und Orchester. (EMI Classics 50999 972165 2 0; 20 CDs in Box; ausführliches illustriertes Booklet, frz./engl.)
siehe auch:
www.poulenc.fr
Unter Catalogue drei Werkverzeichnisse (frz. / engl.), verlinkt mit The Lied, Art Song, and Choral Texts Archive (www.recmusic.org/lieder)