26.06.2009 — Sex, Drugs and Rock ’n‘ Roll sind gemeinhin die Welten, die mit der elektrischen Gitarre verbunden werden, besonders in den Jahren nach 1969, nach dem epochalen Woodstock-Festival. Zwischen 1969 und 1971 kombinierte der Welschschweizer Komponist Frank Martin aber ausgerechnet die unter Strom stehenden Zupfinstrumente mit traditionellen Männerstimmen – einem Tenor, einem Bass und einem Bariton – um daraus höchst poetische Kleinode zu verfertigen. Die zugrundeliegenden Texte allerdings entsprechen durchaus dem zweifelhaften Ruf der E-Gitarren und -Bässe, handelt es sich doch um drei Gedichte des mittelalterlichen Poeten Fançois Villon, der in seiner Zeit als Outlaw und Landstreicher selber so etwas wie ein Rockerleben geführt hat. Die Texte handeln von Todessehnsucht, die drei Männerstimmen verkörpern drei Gehenkte, die in einem der Lieder, der «Ballade des Pendus» sich zerknirscht aus dem Jenseits melden.
So ungewöhnlich die Besetzung, so gut ist die Musik, die Martin dafür geschrieben hat, und es ist nicht das einzige Mal, dass er die Gitarre für originelle musikalische Preziosen genutzt hat. Weitere sind ein klanglich-rhythmisch überraschendes Wiegenlied («Quant n’ont assez fait dodo») für Gitarre, Klavier zu vier Händen und Tenor aus dem Jahr 1947 sowie ein Zyklus von drei Minneliedern für Sopran, Flöte und Gitarre (1960), der ein filigranes Wechselspiel der Melodien und Klangfarben von teils berückender Schönheit entfaltet.
Musiques Suisse hält für diese Repertoire-Entdeckungen beste Fürsprache – nicht nur die Interpreten sind erstklassig, auch aufnahmetechnisch überzeugt die Silberscheibe, die 2006 und 2007 in der Kirche Waldkirch in Waldshut und in der Kantonsschule Baden eingespielt worden ist. So verfügt sie unter anderem gerade über den richtigen Teil an Raumklang um die intimen Klänge mit sensiblem Leben und Wärme zu füllen, ohne die Transparenz des von französischer Eleganz und Klarheit bestimmten Tonsatzes zu trüben.
Gelungen sind ebenso die rein instrumentalen Beiträge, eine Wiedergabe der «Quatre pièces brèves» für Gitarre solo, die auch editorisch interessant ist. Sie macht Oktavierungen rückgängig, die sich in der von Karl Scheit für die Universal Edition erstellten Fassung des Zyklus aus Gründen der einfacheren Spielbarkeit finden, und ergänzt Ostinato-Figuren im letzten Satz (einer Gigue), die in der Scheit-Ausgabe ebenfalls bloss ausgedünnt erscheinen.
Auch die Transkription von zwei Sätzen aus den «Etudes» für Streichorchester aus den fünfziger Jahren für zwei Gitarren vermag zu überzeugen. Sowohl das Solowerk als auch die Orchestersätze sind vom in Waldshut wohnhaften Gitarristen Harald Stampa bearbeitet worden. (wb)
Frank Martin: Werke mit Gitarre. Mitwirkende: Tino Brütsch (Tenor), Samuel Zünd (Bariton), René Koch (Bass), Harald Stampa (Gitarre), Benjamin Scheck (Gitarre), Richard Pechota (E-Bass), Barbara Vigfusson (Sopran), Miriam Terragni (Querflöte), Antje Maria Traub (Klavier), Gregor Loepfe (Klavier). Musiques Suisses CD MGB 6264 Bezugsnachweis: www.musiques-suisses.ch