07.11.2008 — Am Donnerstag, dem 9. März 1933, schrieb Fritz Busch mit schwarzer Tinte in seinen Terminkalender das Wort «aus.», doppelt unterstrichen. Und neben den Eintrag unter dem 7. März, «Rigoletto», setzte er drei Ausrufezeichen. In der Stimme des 1. Horns dieser Verdi-Oper hat sich die Bleistiftnotiz erhalten: «7. März 33 Übernahme der Staatstheater durch die N.S.D.A.P. Busch beim betreten des Orchesters ausgepfiffen.» Die Ära Busch in Dresden war nach zehn Jahren glanzvoller Ausstrahlung durch den nationalsozialistischen Terror abgewürgt worden.
Fritz Busch (1890–1951) gehört zu den ersten nicht-jüdischen Künstlern von Weltruf, die wenige Wochen nach der Machtergreifung der Nazis aus den Ämtern gejagt und in die Emigration gezwungen wurden. Als Dresdner Generalmusikdirektor hatte er in der Semperoper den deutschen Gruss untersagt und sich geweigert, am Gebäude die Hakenkreuzfahne zu hissen. Zudem wurde ihm «juden- und ausländerfreundliche Personalpolitik» vorgeworfen.
In einem Schreiben vom 9. März 1933 hält er fest: «Meinen privaten Verkehr mit Juden betreffend halte ich es für selbstverständlich, mir meine Freunde auf Grund ihrer menschlichen und geistigen Fähigkeiten auszusuchen und halte es insbesondere im Falle der Not für die Pflicht jedes anständigen Menschen, seine Freunde nicht preiszugeben.»
Und die Musiker der Sächsischen Musikalischen Kapelle (der Staatskapelle Dresden), die Busch 1922 als «ersehnten Generalmusikdirektor» überschwänglich willkommen geheissen hatten? Ausser zwei mutigen Mitgliedern wandten sich an jenem Abend der durch SA-Horden verhinderten «Rigoletto»-Leitung alle anderen Musiker und die meisten Sängerinnen und Sänger von Busch ab.
Ruhm- und glanzvoll war jene Ära in Dresden, der Fritz Busch seinen Stempel aufgedrückt hat. Er arbeitete nach eigener Aussage «wie ein Vieh», erneuerte das Opernensemble mit brillanten jungen Kräften, festigte den Ruf der Staatskapelle als einem der führenden europäischen Klangkörper, pflegte mit Nachdruck die zeitgenössische Musik, brachte Opern von Hindemith, Schoeck, Busoni, Kurt Weill und Richard Strauss zur Uraufführung, Puccinis «Turandot» zur deutschen Erstaufführung (sogar Toscanini reiste deswegen nach Dresden) und setzte sich als Erster nachhaltig für eine Verdi-Renaissance nördlich der Alpen ein.
«Vorläufig lebe ich noch, und solange ich lebe, kämpfe ich.» Nach seiner Emigration öffneten sich Busch die Tore der grossen Opern- und Konzerthäuser in Argentinien (Buenos Aires, wo er u. a. Bachs Matthäuspassion zur Erstaufführung brachte), in England (ab 1934 in Glyndebourne, wo er mit dem ebenfalls vertriebenen Regisseur Carl Ebert legendäre Mozart-Inszenierungen realisierte) und auf dem Kontinent (Kopenhagen, Stockholm, Zürich); von 1945 bis 1950 war er künstlerischer Leiter der New Yorker Met. Im Frühjahr 1951 trat Fritz Busch wieder in seiner Heimat (in Köln und Hamburg) auf. An seine letzte Wirkungsstätte ist er trotz Einladungen nicht mehr zurückgekehrt.
Edition Staatskapelle Dresden, Vol. 30
Seit 2005 veröffentlicht die Sächsische Staatskapelle Dresden in Zusammenarbeit mit dem Mitteldeutschen Rundfunk alte und neue Klangdokumente aus den MDR-Archiven. Vol. 30 der beim Label Profil Edition Günter Hänssler edierten Serie dokumentiert nun Fritz Buschs Dresdner Zeit und arbeitet 75 Jahre nach dessen Vertreibung aus seinen Ämtern und seinem Heimatland Buschs Wirken in Musik, Text, Bild und Film umfassend und fundiert auf.
Während Buschs künstlerische Tätigkeit im Exil durch viele Einspielungen in Oper und Konzert recht gut (wenn auch keineswegs im wünschbaren Umfang) belegt ist, fehlten bisher in seiner Diskografie die zwischen 1923 und 1932 eingespielten Werke. Die Suche nach den Grammophonplatten erwies sich als kompliziertes Unterfangen – das Booklet gibt darüber wie auch über die antiken Aufnahmetechniken einlässlich Auskunft.
Die frühesten Einspielungen für die Deutsche Grammophon Gesellschaft fanden vor einem riesigen Trichter statt; die Violinen des zahlenmässig reduzierten Orchesters wurden durch sogenannte Strohgeigen ersetzt, die anstelle des Korpus einen kleinen Schalltrichter besassen, um den so verstärkten Klang mechanisch reproduzierbar zu machen. Nicht minder abenteuerlich muten die Experimente an, die ab 1925 mit der «elektrischen Aufnahme» via Mikrophon unternommen wurden.
Es versteht sich, dass die nun auf CD konservierten Ergebnisse trotz behutsamer Restaurierung nur einen Abglanz vom damaligen Klang des Orchesters bieten können. Was jedoch unvermindert wirkt und überzeugt, sind die Interpretationen.
In den Trichter gespielt wurden 1923 Werke bzw. Sätze von Gluck, Mozart, Mendelssohn, von Weber, von Suppé, Wagner, Tschaikowski, Bizet, Smetana, Johann Strauß und Richard Strauss (CD 1). Die zweite Aufnahmestaffel von 1926, nun vor dem Mikrophon, umfasst Ausschnitte aus Puccinis «Turandot», Verdis «Macht des Schicksals», aus Strauss’ «Die ägyptische Helena» sowie Wagners «Tannhäuser»-Ouvertüre (CD 2).
Wohl die erste Rundfunk-Direktübertragung eines Konzerts in Deutschland kam zustande anlässlich des Gastspiels der Sächsischen Staatskapelle Dresden unter Busch im Februar 1931 in Berlin. Als Kontrollmitschnitt aufgezeichnet wurde Brahms 2. Sinfonie (CD 3).
1932 wurde im Dresdner Opernhaus die Wiedergabe der «Tannhäuser»-Ouvertüre gefilmt (der Soundtrack befindet sich auch auf CD 2). Im Rahmen der auf Initiative des Komponisten Franz Schreker begründeten Reihe «Das Weltkonzert» kamen die Lichttonfilme als Vorprogramme in die Kinos. 1933 wurde diese Comedia-Tonfilmreihe, an der auch jüdische Künstler beteiligt waren, konfisziert und vermutlich vernichtet. Als kostbares Dokument erhalten hat sich indes der Film «Fritz Busch dirigiert die Staatskapelle Dresden».
Die DVD enthält im weiteren die Dokumentation in einem Film von Stefan Braunshausen und acht Hörbildern von Steffen Lieberwirth – eine (die Inhalte des Booklets aufnehmende und erweiternde) quellenreiche Würdigung von Buschs Leben und Schaffen. Er selber kommt zu Wort in einem Radiointerview vom Frühjahr 1951, und festgehalten ist ebenfalls Giuseppe Sinopolis 1998 in der Semperoper gehaltene eindrückliche Rede «Zur Rückkehr von Fritz Busch nach Dresden».
Von herausragender Qualität erweist sich auch das fast 200-seitige reich bebilderte Booklet (dt./engl.). Es schildert vor dem kulturhistorischen Hintergrund Buschs Biografie, im besonderen die Dresdner Jahre und die Ereignisse im März 1933, erläutert detailliert die alten Aufnahmetechniken und die Einspielungen.
Klang, Wort und Bild fügen sich in dieser Edition zu einer beeindruckenden Würdigung eines der künstlerisch grossen, charakterlich integren, unbeugsamen Dirigenten des vergangenen Jahrhunderts.
Zwei Zitate aus dem Booklet:
«Als gründlicher Deutscher verschaffte ich mir Hitlers ,Mein Kampf’ und las das Buch mit aller Gewissenhaftigkeit. Aus meiner instinktiven Ablehnung der nationalsozialistischen Parteidoktrinen wurde nach dem Studium dieses Buches nun eine bewusste Gegnerschaft. Obwohl mir bekannt war, dass Moral und Politik in der Regel verschiedene Dinge sind, konnte ich in diesem Fall nicht schweigen. Ich hielt es nicht nur für mein Recht, sondern auch für meine Pflicht, die völlig amoralische neue Lehre so eindeutig wie möglich zu bekämpfen.» (Fritz Busch in seinen Erinnerungen «Aus dem Leben eines Musikers»)
«Es ist das Wesen des Schönen, dass böse Mächte keine Gewalt darüber haben.» (Fritz Busch in einem Brief an die Staatskapelle Dresden zu deren 400-Jahr-Jubiläum 1948)
(ws)
Fritz Busch. Sämtliche Dresdner Aufnahmen 1923–1932. Edition Staatskapelle Dresden, Vol. 30. 3 CDs, 1 DVD (95’), reich illustriertes Booklet, 190 Seiten; dt./engl. (Profil Edition Günter Hänssler)