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Great Cathedral Organs

08.01.2012 — 1964 startete EMI Records eine in verschiedener Hinsicht magistrale Unternehmung: The Great Cathedral Organ Series. 1971 war die Reihe mit der 19. Langspielplatte abgeschlossen. Nun liegt die Serie in einer Box mit 13 CDs wieder vor.

Produzent Brian B. Culverhouse, selber Organist, realisierte in sieben Jahren eine repräsentative Bestandesaufnahme der englischen Orgellandschaft. Drei Aspekte prägen die Reihe: Instrument, Interpret, Repertoire. Herausragende Organisten Grossbritanniens spielten auf bedeutenden Kathedralorgeln Werke vom Barock bis zur Moderne der Sechzigerjahre, darunter eine grosse Zahl von Kompositionen englischer Meister. Am Spieltisch sassen in der Regel die Titularorganisten, die mit den Möglichkeiten ihres Instruments und der Raumakustik seit Jahren, Jahrzehnten gar, vertraut waren und ihr künstlerisches Profil, ihre Eigenschaften und Vorlieben zu optimaler Wirkung bringen konnten.

Die 19 Orgeln, allesamt von gewaltigen Ausmassen (der Orgelbau auf der Insel folgte einer eigenen, vom Kontinent bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts weitgehend unabhängigen Konzeption und Entwicklung), erklingen hier in erster Linie in ihrer Funktion als Konzertinstrument, deren dynamische Opulenz und die Resonanzvolumen der Kathedralen das Aufnahmeteam mehr als einmal zum Bewältigen erheblicher Probleme herausforderte.

Das älteste Instrument – aus der Werkstatt des legendären Father Willis – wurde 1872 in St Paul’s eingeweiht; die jüngsten Orgeln stammen aus Llandaff (1958) und Coventry (1962). Alle Werke wurden nach den Einspielungen renoviert, umgebaut, erweitert oder ganz ersetzt, sodass die Great Cathedral Organ Series zum wertvollen historischen Dokument geworden ist.

Unter den Organisten finden sich klangvolle Namen, beispielsweise Heathcote Statham, Allan Wicks, Fernando Germani, Douglas Guest, Herbert Sumsion, David Lepine, Herrick Bunney, Philip Marshall, Brian Runnett. Aufgrund der Idee, jedes Instrument in facettenreichen Aspekten vorzustellen, und nicht zuletzt durch die zeitliche Beschränkung der Langspielplatte wählten alle Interpreten neben einigen Hauptwerken Stücke mit kürzerer Aufführungsdauer in attraktiver Umsetzung (besonders interessant: die für britische Orgeln charakteristischen Tubas). Nicht immer entsprechen die stilistischen Interpretationen den Vorstellungen, wie sie Kennern auf dem Kontinent von französischer oder deutscher Orgelmusik vorschweben; da rückt dann der Charakter des Instruments an die beherrschende Stelle.

Unter den gewichtigen Kompositionen finden sich beispielsweise Elgars Sonata op. 28, Brittens Prelude and Fugue on a Theme of Vittoria, Vaughan Williams’ Three Preludes Founded on Welsh Hymn Tunes, William Mathias’ Variations on a Hymn Tune, Allan Ridouts The Seven Last Words, Joseph Jongens Sonata eroica op. 94, Nielsens Commotio op. 58, die Sonate c-Moll über den 94. Psalm von Julius Reubke, Francks Grande Pièce symphonique op. 17, Mozarts f-Moll-Fantasie, die sechs Sonaten Mendelssohns (von der 4. nur der Kopfsatz), Liszts Präludium und Fuge über Bach, Rheinbergers Finalsatz der 8. Sonate, Regers Fantasie und Fuge über «Halleluja! Gott zu loben» und die Fantasie über «Straf’ mich nicht in deinem Zorn», die Hommage an Händel von Karg-Elert und Schönbergs Variations on a Recitative op. 40.

Nicht übergangen sind Orgelmeister wie Bach, Buxtehude, Pachelbel, Brahms, Vierne, Langlais, Messiaen, Jehan Alain, Dupré, Peeters. Beigefügt wurden Bonus-Tracks mit den Interpreten Herbert Sumsion (Gloucester Cathedral), Fernando Germani (Selby Abbey, deren Instrument – gleich jenem der Peterborough Cathedral – in der Serie nicht berücksichtigt werden konnte), Brian Runnett (Norwich Cathedral) und Simon Preston (Westminster Abbey).

Die vielfältigen Inhalte sind gut erschlossen: Auf der beiliegenden CD-Rom (anstelle eines Booklets) finden sich pdf-Dateien (ausgedruckt über 30 A4-Seiten) mit aktuellen Beiträgen des Produzenten Brian B. Culverhouse und des Konzertorganisten Graham Barber. Aufstellungen dokumentieren Komponisten und Werke der einzelnen CDs, die Orgeln und deren Erbauer, die Aufnahmejahre und die Interpreten. Faksimiles der LP-Hüllen enthalten die Eckdaten und die Dispositionen der Orgeln, 13 davon mit Fotos der Spielanlage. – Die grösste der Orgeln dieser Box: Das 1926 eingeweihte Henry-Willis-Instrument der Liverpooler Kathedrale umfasst 145 klingende Register auf 5 Manualen und Pedal (dieses mit 35 Registern, darunter nicht weniger als fünf 32-Fuss-Pfeifen). Farbbilder der Kathedralen finden sich auf den CD-Hüllen.

The Great Cathedral Organs Series schrieb Aufnahme- und Interpretationsgeschichte und stiess auf enormen Widerhall. Bald waren die LPs nicht mehr erhältlich. Nach langer Zeit und dank der CD erhält nun auch eine jüngere Generation Interessierter Zugang zu diesem Meilenstein der Orgel und des Orgelspiels in Grossbritannien. (ws)

Great Cathedral Organs. Die komplette, in den Sechzigerjahren realisierte Serie (EMI Classics 85295 2; 13 stereo-CDs plus CD-Rom; Wiedergabedauer knapp 16 Stunden)

Liverpool Cathedral (Organist: Noel Rawsthorne), York Minster (Francis Jackson), Westminster Abbey (Douglas Guest; Simon Preston), Gloucester (Herbert Sumsion), Coventry (David Lepine), Exeter (Lionel Dakers), St Giles’ (Herrick Bunney), Llandaff (Robert Joyce), Durham (Conrad Eden), Hereford (Melville Cook), Salisbury (Christopher Dearnley), Norwich (Heathcote Statham), Ely (Arthur Wills), Worcester (Christopher Robinson), Westminster Cathedral (Nicolas Kynaston), Canterbury (Allan Wicks), St Paul’s (Christopher Dearnley), Lincoln (Philip Marshall), Chester (Roger Fisher).

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