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Händels Violinsonaten mehrfach beleuchtet

12.03.2012 — Aufnahmen – speziell «Gesamtaufnahmen» – von Händels Violinsonaten mit Basso continuo müssen zunächst ein Problem lösen, das für viele barocke Werksammlungen typisch ist: Welche denn? Auf der sicheren Seite ist man mit den sechs Sonaten HWV 359a, 364, 361, und 371. Ob die Sonate 358 wirklich für Violine geschrieben ist, dafür sollte man nicht die Hand ins Feuer legen. Von Händel gibt’s keine Instrumentenangabe, der Tonumfang (in der Höhe) legt die Violine nahe. Dann sind da noch die Sonaten HWV 368, 370 372 und 373, die heute anderen Meistern zugeschrieben werden, nichts desto trotz aber von hohem musikalischem Geschmack zeugen.

Hat eine Geigerin, ein Violinist sich da mal festgelegt, kommt bereits die nächste Herausforderung. Wie spielt man diese Musik denn? Wie frei? Wie grosszügig verziert? Da ist sicheres ästhetisches Formgefühl gefragt. Auf neueren Aufnahmen gibt’s denn auch unterschiedliche Antworten.

Dafür gibt’s Freiräume, die Interpretationen der Sonaten von Bach oder der üblichen Verdächtigen unter den italienischen Meistern nicht offen lassen, weil sie schon zu oft gehört worden sind und gegen festgefahrene Hörerwartungen angestrichen werden muss. Wie weit man in Sachen Händel den Bogen spannen kann, zeigen drei neuere Einspielungen. Die griechisch-amerikanische Geigerin Ariadne Daskalakis mit Wohnsitz in Köln, die unter anderem an der Juilliard School und der Hochschule der Künste Berlin studiert hat, entscheidet sich für einen vergleichsweise zurückhaltenden, eher noblen Ansatz.

Damit hebt sie sich wohltuend ab von den in der Wiedergabe von Barockmusik zur Zeit modischen Scharfkantigkeit und Mikromodellierung in Klang und Phrasierung. Daskalakis besetzt den Basso continuo denn auch konventionell mit Viola da Gamba (Rainer Zipperling) und Cembalo (Gerald Hambitzer). Man mag da wenig Überraschendes hören, auf exzellentem Niveau wird da aber zweifellos musiziert.

Julia Schröder, die populäre Konzertmeisterin des Kammerorchester Basel, und der italienische Geiger Riccardo Minasi ergänzen die Basisbesetzung des B.c. mit Laute, Minasi gar mit Theorbe und Barockgitarre, was das Klangbild mediterraner einfärbt – durchaus passend, hört man da doch auch Einflüsse aus Händels Italienreisen mit. Minasi kultiviert einen glutvollen, leidenschaftlichen Klang und scheut sich nicht vor reichem, sängerisch anmutendem Zierwerk, der vor allem die langsamen Sätzen mit dem Atem einer Vokaldarbietung erfüllt. Händel in mediterranem Licht.

Julia Schröder schliesslich zeigt exemplarisch, wie undogmatisch man mit historisch informierten Spieltechniken umgehen kann und wie sich historisierende und moderne Spielweisen zu einem stimmigen Ganzen fügen lassen. Mit warmem und fallweise vibratolosem Spiel oder rhythmischer Feinstrukturierung gestaltet sie nicht minder diffferenziert und expressiv, aber mit einem objektiveren und etwas distanzierteren Gestus als Minasi. Man hat die Qual der Wahl. (wb)

Handel Complete Sonatas. Ariadne Daskalakis (Violine), Ensemble Vintage Köln, Naxos, Best.-Nr. 8.572245.
Handel Violin Sonatas. Riccardo Minasi (Violine), Musica Antiqua Roma. Deutsche Harmonia Mundi, Best.-Nr. 886 9770 5312
Händel Violin Sonatas. Julia Schröder (Violine), Giorgio Paronuzzi (Cembalo), Daniele Caminiti (Lauten), Christoph Dangel (Violoncello). Deutsche Harmonia Mundi, Best.-Nr. 886 9788 5782

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