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Hamburger Premiere von «Mathis der Maler»

22.08.2007 — Hindemiths Oper «Mathis der Maler», ein Sittengemälde aus der Zeit der Glaubenskriege der Reformationszeit, thematisiert zwar im Grunde genommen einen zeitlosen inneren Konflikt: Der Held ist hin und hergerissen zwischen Rückzug ins Private, respektive auf die Kunst und politischem Engagement. Hinzu kommt eine amouröse Verstrickung, die allerdings kaum heroische oder tragische Züge trägt: Mathis ist zu schüchtern, um eine erotische Beziehung zu mehr als pubertär anmutenden Schwärmereien zu nutzen. Dies alles tönt, verglichen mit den Tragödien der grossen Gefühle, welche die Opernbühnen sonst so bevölkern, reichlich unspektakulär – und ist es auch. So konzentriert sich das Interesse an der Geschichte denn auch eher auf die Auseinandersetzungen zwischen Lutheranern und Katholiken im Mainz des 16. Jahrhunderts, die wiederum viel Lokalkolorit zeigen und wenig exemplarische Züge tragen.

Weltgeschichtliche Brisanz erhielt das Werk während seiner Entstehung in den Jahren 1933 bis 1935, dem Aufblühen der nationalsozialistischen Repression dennoch, und zwar wegen der Szenen, in denen darum gerungen wird, ob lutheranische Bücher verbrannt werden sollen oder nicht (sie werden). Darüber hinaus verstand Hindemith die Oper als Zeichen des eigenen Wandels hin zur künstlerischen Verbindlichkeit.

Angesichts der wenig universalen Motive der Oper erstaunt es kaum, dass nur sehr wenige Gesamteinspielungen existieren und selbst in der nun vorliegenden Aufnahme der Hamburger Aufführung ein Sänger – Harald Stamm in der Rolle des Riedinger – zu hören ist, der schon an einer älteren mitgewirkt hat. Eine in München realisierte Produktion stammt aus dem Jahr 1977. Chor und Sinfonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks stehen unter der Leitung von Rafael Kubelik, und neben Dietrich Fischer-Dieskau in der Rolle des Mathis sind unter anderem James King (Albrecht von Brandenburg), Rose Wagemann (Ursula), William Cochran (Hans Schwalb) und Urszula Koszut (Regine) zu hören.

Eine jüngere ist vom Norddeutschen Rundfunkchor und dem Rundfunkorchester Köln unter Gerd Albrecht 1990 realisiert worden – mit Roland Hermann als Mathis und Sabine Hass als Ursula. Harald Stamm singt auch hier den Riedinger.

Mit dem Hamburger «Mathis» hatte die neue Intendantin und Generalmusikdirektorin Simone Young 2005 ihren von Publikum und Presse hervorragend aufgenommenen Einstand in der Stadt an der Alster. Die ansprechend gestaltete und mit einem informativen Booklet versehene 3CD-Box wird denn auch einfach als «Live Mitschnitt der Premiere» deklariert. Als Mathis ist Falk Struckmann und als Albrecht von Brandenburg Scott McAllister zu hören, Susan Anthony singt die Ursula und Inga Kalna die Regina.

Produktionen wie der vorliegende «Mathis», den die Staatsoper Hamburg in Zusammenarbeit mit NDR Kultur und dem Label Oehms Classics realisiert hat, dürfte in den kommenden Jahren mehr und mehr zu erwarten sein. Für opulente und prohibitiv teure Studioproduktionen von Opern ohne die Massenwirkung von «Zauberflöte», «Carmen» und «Aida» dürften die an Gewinnoptimierung orientierten traditionellen Grosslabels kaum mehr Geld aufwerfen. Die Produktionen regionaler Opernhäuser und Stadttheater lassen sich heute – die Frage der Rechte einmal ausgeklammert – hingegen recht einfach und kostengünstig auf CD oder gar als Download unter die Leute bringen.

Gewinnen kann dabei das Publikum, das sich auf ein breites und künstlerisch interessantes Angebot freuen darf, aber auch das entsprechende Opernhaus, dem eine derartige Zweitverwertung hervorragende Gelegenheit zum Eigenmarketing bietet. (wb)

Paul Hindemith: Mathis der Maler, Simone Young (Leitung), Chor der Staatsoper Hamburg, Philharmonie Hamburg, Falk Struckmann (Mathis), Susan Anthony (Ursula) et al., Oehms Classics 2007 OC 908, 3 CD-Box mit 30-seitigem Booklet.

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