03.01.2009 — «Romeo und Julia» als Opernstoff? Das vielleicht populärste Stück Shakespeares hat bedeutende Opernkomponisten erstaunlicherweise nicht in dem Masse inspiriert wie die grossen tragischen Dramen. Dies mag daran liegen, dass jugendlicher Verliebtheit trotz der existentiellen Kompromisslosigkeit, die sie begleiten kann, nicht die grosse schicksalshafte Tragik innewohnt. Zum Konflikt mit überindividueller Tragweite wächst die Leidenschaft der beiden Exponenten denn auch erst in dem Moment, in dem Romeo Julias Vetter Tybalt tötet. Es ist deshalb wenig verwunderlich, dass die einzigen Versuche von Weltklasse-Komponisten, Bellinis «I Capuleti e I Montecchi» und Gounods «Romeo et Juliette», das auf die keimende Liebe fokussiert, nicht gerade als die musikalisch am tiefsten schürfenden Shakespeare-Vertonungen betrachtet werden und mindestens Gounods Fassung unter Sentimentalitätsverdacht steht.
Am besten aufgehoben zu sein scheint die Geschichte in Umsetzungen mit Lokalkolorit und im zeitgenössischen Ambiente, man denke etwa an Kellers «Romeo und Julia auf dem Dorfe», Bartkowiaks Actionstreifen «Romeo Must Die» oder den (zwiespältig aufgenommenen) Roman «Ein schnelles Leben» der Schweizer Literatur-Nachwuchshoffnung Zoe Jenny. Zuallererst aber natürlich an Leonard Bernsteins «West Side Story», ein Geniestreich, der den Stoff fürs 20. Jahrhundert adaptiert hat.
Auch Schweizer Opernkomponisten haben sich der Geschichte angenommen. Aus dem Jahr 1991 stammt Rudolf Kelterborns Kammeroper «Julia». Und 1940 uraufgeführt worden ist in Dresden Heinrich Sutermeisters Oper «Romeo und Julia», die zunächst in ganz Europa grosse Erfolge feiern konnte, dann aber in den fünfziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts von den Spielplänen weitgehend verschwand. 1980 spielte der Bayerische Rundfunk das Werk auf exemplarische Weise und mit hervorragender sängerischer Besetzung ein, ein Dokument, das Musiques Suisses nun verdienstvollerweise wieder verfügbar macht.
Sutermeister fokussiert mit seiner Fassung, zu der er das Libretto selber verfasst hat, auf die unmögliche Verbindung Romeos und Julias, auf eine Art Gerippe also, das wie eine Reader’s-Digest-Version des shakespearschen Stoffes anmutet (die Oper ist mit rund 100 Minuten Dauer denn auch relativ kurz). Die Rollen Mercutios und Tybalts und damit auch die tödlichen Streitereien der Heisssporne sind ganz gestrichen (Mercutios Geschichte von der Fee Mab, die die Liebenden betört, findet allerdings als Einleitung durch einen Chor von Liebespaaren Eingang in die Balkonszene). Julia ersticht sich nach Romeos sinnlosem Tod auch nicht, sondern stirbt den Liebestod, und damit entfällt natürlich ebenso das Erwachen der Übriggebliebenen aus dem Furor der Rache.
Stimmungsmässig scheint denn einiges im Vergleich zum shakespearschen Vorbild etwas verschoben. Die Balkonszene wird bei Sutermeister nicht zum wortgewaltigen Liebeswerben (Romeo bekennt etwas platt, dass ihm aus Julias Augen mehr Gefahr droht als aus der Mordlust der Capulets, und Julia stellt schon fast schweizeirisch-nüchtern fest, dass sie grosse Angst hat). Vielmehr entfaltet sie mit Kommentaren nächtlicher Gestalten − verliebter maskierter Paare und Knabenstimmen − einen mittsommernächtlichen Feen- und Elfenzauber, der durchaus auch etwas für sich hat.
Für heutige Ohren klingt Sutermeisters Musik eingängig, effektvoll und frisch, ja streckenweise fast schon musicalartig. Die Geschichte wird mit vielen rezitativartigen, vom Orchester gerne solistisch begleiteten Szenen flüssig vorwärts gebracht, daneben gibt’s effektvolle Massenszenen mit viel Blech und Perkussion (inkl. Klavier und Glockenspiel). Die Partitur bleibt dank vieler kleiner Motivzellen, die repetiert und variiert werden, verständlich und eingängig. Die wenigen Arien, die auch hier Ruhepunkte der Reflektion der Akteure darstellen, werden genauso dramatisch aufgepolstert, so wirkt etwa auch Julias Bekenntnis der Liebe zu Romeo fast etwas plakativ − mit vor sich hin dümpelnder chromatisch gequälter Melodik, Tritonus-Dramatik, Paukenschlägen und vokalisierenden Hintergrundchören.
Auch Anspielungen an Fremdmaterial finden sich. So wird etwa ein Duett Romeos und Julias (5.Bild, 5.Szene) mit der Melodie des Schweizer Volkslieds «Chumm mir wei ga Chrieseli gwünne» («Komm, wir wollen Kirschen pflücken gehen») unterlegt. Dies wiederholt sich in der 8. Szene des gleichen Bildes, bei der Hoffnung auf Hilfe durch Lorenzo − wohl eine Anspielung an die Herkunft des Giftes, das Julia schlucken soll. Romeos Tod wiederum scheint in den Pauken von Anklängen ans Schicksalsmotiv aus Beethovens Fünfter sekundiert. (wb)
Heinrich Sutermeister: Romeo und Julia, Münchner Rundfunkorchester, Tölzer Knabenchor, Chor des Bayerischen Rundfunks, Urszula Koszut (Julia), Adolf Dallapozza (Romeo), Nikolaus Hillebrand (Lorenzo), Raimund Grumbach (Balthasar), Gudrun Wewezow (Amme), Produktion des Bayerischen Rundfunks 1980, bei Ex Libris, 1984 als Schallplatte erschienen, Musiques Suisses Doppel-CD MGB CD 6263.