04.03.2011 — Mit einem jungen und einem alten Mitglied der Musikinstrumentenfamilie eröffnet der Bärenreiter-Verlag die «Portrait»-Reihe.
1846 liess der belgische Klarinettist und Tüftler Antoine-Joseph Adolphe Sax, Konstrukteur Dutzender von Klangkörpern, sein Saxophon patentieren. – Mehrere Erfinder sind dagegen über Jahrhunderte an der Entwicklung der Tasteninstrumente beteiligt; Bartolomeo Cristofori stellte in Florenz um 1709 ein «gravicembalo con piano e forte» her und gilt als Ahnherr des modernen Klaviers und Flügels.
Während die Bibliografie über das Klavier, seine Vorgänger und seine Literatur kaum noch den Spezialisten überschaubar ist, liegen zwar viele Saxophon-Schulwerke vor, doch nur wenige monografische Darstellungen der «röhrenden Kanne». Der Musikjournalist und Festivalleiter Ralf Dombrowski, Autor der Basis-Diskothek Jazz (Reclam) und einer John-Coltrane-Biografie (Oreos), hat mit dem Portrait-Band Saxofon eine vielseitige Geschichte dieser Blasinstrumentenfamilie verfasst, eine reich illustrierte Publikation, die alles Wesentliche zusammenführt, ordnet und kommentiert.
Wer die Vorgänger dieses Messinginstruments sind und wie seine Bauformen konstruiert werden, wie es seinen Weg aus der Werkstatt von Sax in die Militärkapellen aller Herren Länder beschreitet, welchen Einfluss der Erste Weltkrieg auf die Saxofon-Familie hat, wie diese nach New Orleans kommt und wieder zurück auf den Alten Kontinent – das alles schildert Dombrowski auf spannende Art.
Wechselspiel der Impulse: Experimentierfreudige Musiker, am Anfang Sidney Bechet, Marcel Mule und Sigurd Raschèr, reihen sich in die Galerie legendärer und stilbildender Saxofonisten, und in Bands und Combos setzen junge Talente neue Techniken und persönliche Klangvorstellungen um. Der Autor charakterisiert das Spiel dieser Virtuosen, Revoluzzer und Selbstdarsteller vom Swing und Bebop bis zur Jazz-Avantgarde, zu den Strömungen der Gegenwart wie Pop und Rock, Weltmusik, Postmoderne, fasst dabei auch die politische Situation, den soziologischen Hintergrund ins Auge. Hilfreich wäre die Angabe der Lebens- bzw. Geburtsdaten bei allen gewürdigten Künstlern im Text oder im Personenregister.
Dombrowski blendet die Aspekte des Saxofons in der klassischen Musik nicht aus. Zwar blieb es im Sinfonieorchester ein Aussenseiter, doch brachten neoromantische Komponisten seit den 1930er Jahren das exotische Flair des Jazzsax in den bürgerlichen Konzertsaal. Nach und nach wuchs das Repertoire, vor allem im Bereich der Kammermusik und, in stilüberschreitenden Projekten, im Saxofon-Quartett.
In gesonderten Kapiteln stellt Dombrowski Top-Ten-Aufnahmen und -Künstler sowie Höhepunkte des Jazzrepertoires vor und geht abschliessend ausführlich auf die Ausbildungsmöglichkeiten ein.
Zwischen den Haupttext gestreut finden sich Illustrationen in Farbe und Schwarzweiss, CD- und Buchtipps, Interviews und Anekdoten. Hilfreich für Laien wie für Fortgeschrittene sind die Literaturangaben und die vielen Internet-Adressen, darunter jene der deutschen Hochschulen mit Studiengang Jazzsaxofon (zu korrigieren ist die angeführte Adresse des einstigen All Music Guide: www.allmusic.com).
Zitat aus dem Buch:
«Der Neuling in der Instrumentenfamilie des 19. Jahrhunderts hatte im Sinne seines Erfinders etwas strukturell Revolutionäres. Er verknüpfte die Klangcharakteristiken verschiedener Vorgänger und Konkurrenten von Streichern bis zu Klarinetten, war mobil und vielseitig einsetzbar, hatte aber auf der anderen Seite durch diese Universalität, Progressivität und die Orientierung am Militärischen das Problem, keinen Fuß in die Tür der bürgerlich-schöngeistigen Salon- und Konsumkreise zu bekommen. Bezeichnenderweise musste das Saxofon den Umweg über Entertainment, Jazz und Subkultur nehmen, um quasi über die kulturmythische Hintertür Eingang in die Räume umfassender Akzeptanz zu finden.» (Seite 16)
Portrait Klavier
Ebenfalls eine Fülle praktischer Hinweise hat Matthias Kornemann seinem Portrait-Band über das Klavier bzw. den Flügel mitgegeben. Dass er sich dabei auf das Solo- und Konzertrepertoire im klassischen Bereich von Bach bis zu Bartók, Ives, Cage und Ligeti, geografisch auf Europa, die USA und Russland konzentriert, ist wohl eine Folge des auf 166 Seiten beschränkten Buchumfangs. Dieser Limitierung sind leider auch zwei Kapitel zum Opfer gefallen: über Clavichord und Cembalo-Familie und über das Piano im Jazz. (Beide Artikel lassen sich via Website www.baerenreiter.com über die Schnellsuche mit dem Stichwort «Kornemann» herunterladen.)
Matthias Kornemann, Musikpublizist für Fachmagazine, Dozent an der Hochschule Hanns Eisler in Berlin, Autor einer Brahms-Biografie (2006, vergriffen), schöpft aus der Fülle des Klavier-Wissens und bereitet es auf in überschaubaren Einheiten, offen für erhellende Seitenblicke und pointierte Urteile. Selbst die in der Regel trockene Materie der Evolution vom Hammerklavier bis zum Flügel («Die Mechanik eines modernen Konzertflügels besteht aus nahezu 8800 einzelnen Teilen!») versteht der Autor plastisch und kurzweilig anhand der Erfinder-Persönlichkeiten zu erzählen.
Im sozio-kulturellen, auch wirtschaftliche Gesichtspunkte einbeziehenden Überblick spannt Kornemann kritisch und humorvoll den Bogen vom 18. Jahrhundert über das bildungsbürgerliche Klavierspiel, den Historismus mit dem Kanon von Meisterwerken zu den nationalen Klavierschulen und den wichtigen Interpretinnen und Interpreten samt ihren Kurzbiografien und herausragenden Leistungen. Auch wenn man nicht alle Einschätzungen und Bewertungen des Autors übernehmen mag – seine Charakterisierungen und Analysen sind anregend und des Reflektierens wert.
Eingeschoben in den Lauftext finden sich Illustrationen und Notenbeispiele, Erläuterungen von Fachwörtern, Werkbesprechungen, Aussagen von Komponisten, Zeugnisse von Zeitgenossen, CD-, Internet- und Buch-Tipps (weiterführende Literatur findet sich auch im Anhang). Ein eigenes Kapitel befasst sich mit Ausbildung, Unterricht, Instrumentenwahl, dem Klavierspiel als Beruf (mit der Liste der Hochschulen in Deutschland, die den Studiengang Klavier anbieten) und dem Wettbewerbswesen.
Zitat aus dem Buch:
«Die großen Wettbewerbe züchten einen Typus des Bühnenmusikers heran, der einem, überspitzt formuliert, globalisierten Einheitsgeschmack entspricht. Über die angebliche ‚Globalisierung des Klangs‘ auf dem von wenigen Firmen dominierten Klaviermarkt liest man immer öfter. Aber selbst wenn alle Instrumente exakt gleich klängen, ließe sich darauf eine Unendlichkeit interpretatorischer Facetten darstellen. Aber wenn die Darsteller ihrerseits unter immer größerem Druck zur technisch unendlich ausgehärteten Einheitsform gepresst werden, entsteht jene leider immer mehr anwachsende ‚postinterpretatorische‘ Langweiligkeit.» (Seite 161).
(ws)
Ralf Dombrowski: Portrait Saxofon. Kultur, Praxis, Repertoire, Interpreten. Bärenreiter-Verlag, Kassel 2010. Mit Abbildungen. 166 Seiten. € 27,50. Fr. 49.50.
Matthias Kornemann: Portrait Klavier. Kultur, Praxis, Repertoire, Interpreten. Bärenreiter-Verlag, Kassel 2010. Mit Abbildungen und Notenbeispielen. 166 Seiten. € 27,50. Fr. 49.50.