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José Marins «Tonos humanos»

03.02.2012 — In den letzten Jahren ist mit Blick auf die Musik der Vorklassik ein verstärktes Interesse an einem Instrument zu beobachten, das sonst eher mit französischem Impressionismus oder lateinamerikanischen Strassenmusikern assoziiert wird. Da gibt’s dann auch Gewagtes. Als mutig zu bezeichnen ist etwa eine Interpretation von Bachs Goldberg-Variationen der walisischen Harfenistin Catrin Finch (siehe Codex-flores-Rezension). Neueren Datums ist eine Aufnahme der Geigerin Lara St. John und der Harfenistin Marie-Pierre Langlamet der Violinsonaten des Thomaskantors mit der Harfe statt des Cembalos als Continuo-Instrument (auf dem Label Ancalagon).

Angesichts solcher Adaptionen könnte in den Hintergrund gedrängt werden, dass im Barockzeitalter interessante Originalliteratur für das Zupfinstrument geschrieben worden ist. Für die spanische «Arpa de dos órdenes» etwa – in ihr sind die Saiten so übers Kreuz angeordnet, dass der Spieler sich in allen Tonarten bewegen kann – existiert in Form der Sammlung «Luz y Norte» von Lucas Ruiz de Ribayaz (1626 bis 1677) eigene Literatur.

Eine konzeptionell und künstlerisch rundum gelungene Zusammenarbeit pflegen der spanische Barockharfenist Manuel Vilas und der schweizerisch-spanische Tenor Felix Rienth. Auf Anregung von Vilas haben sie sich eines hierzulande kaum bekannten Liederzyklus – den «Tonos humanos» – des Anfang 17. Jahrhunderts geborenen spanischen Priesters und Tenors José Marin angenommen. Marin wurde laut den wenigen vorhandenen biografischen Angaben nach dem Dreissigjährigen Krieg als mutmasslicher Raubmörder gefoltert, exkommuniziert und auf die Galeere verbannt. Von dort gelang im die Flucht, er starb 1699 im für damalige Verhältnisse biblischen Alter von achtzig Jahren.

«Tonos humanos» umfasst 51 Lieder und ist in Cambridge in einem sogenannten «Fitzwilliam»-Manuskript vollständig dokumentiert. Vilas und Rienth haben daraus 18 Lieder im Kammermusikstil ausgewählt, die der ursprünglichen Absicht Marins nach mit Gitarre oder Harfe begleitet werden können.
Harfen sind allerdings schwer aufzunehmende Instrumente. Um ihr Klangbouquet entfalten zu können, ist Hall nötig, der die stark resonierenden Bässe dann aber zum Wummern bringt. Eine ideale Lösung finden auch Rienth und Vilas nicht, aber zumindest einen guten Kompromiss: Die Mittellagen erklingen hell und klar konturiert, und auch der Stimme des Tenors wird Luft verschafft.
Mit tänzerischer Eleganz und erfrischend unprätentiösem Erzählton präsentiert der Sänger die vornehmlich amourösen Leidenschaften der «Tonos humanos». Zu bedauern ist bloss, dass im Booklet zwar die Liedtexte im spanischen Original abgedruckt sind, aber dazu keine deutsche Übersetzung mitgeliefert wird. (wb)

Jose Marin: Tonos humanos. Felix Rienth (Tenor), Manuel Vilas (Arpa de dos órdenes), Edition La ma de guido/Harmonia Mundi, Best.-Nr. LMG2101

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