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Josef Gabriel Rheinberger: Das Klavierwerk

20.12.2011 — Hand in Hand mit seiner unerschütterlichen Bindung an die Tradition ging eine phänomenale Leichtigkeit des Komponierens: Josef Gabriel Rheinberger (1839–1901) bediente mit seinem immensen Œuvre alle Gattungen. Unter den Organisten besitzt er seit jeher einen klangvollen Namen, verdanken sie Rheinberger doch 20 qualitätvolle Sonaten in der Nachfolge Mendelssohns.

Kaum ein Pianist dagegen kümmert sich um das Klavierwerk des in Vaduz geborenen Liechtensteiners, der bereits mit 12 Jahren als Musikstudent nach München kam, das zu seiner Wahlheimat wurde. Dass sich in diesem Korpus manches Juwel verbirgt, beweist die erste Gesamteinspielung, die der Schweizer Pianist Jürg Hanselmann zwischen 1990 und 2004 realisierte. Nun sind die zehn ursprünglich separat vorgelegten CDs erstmals in einer Box vereint worden, die auch ein informationsreiches illustriertes Booklet enthält.

In die Musikgeschichte eingegangen ist Rheinberger primär als hochgeschätzter Pädagoge für Komposition und Orgel; unter seinen Schülern finden sich Engelbert Humperdinck, Ermanno Wolf-Ferrari, Wilhelm Furtwängler und Hans Koessler, der später als Professor in Budapest Kodály, Bartók, Emmerich Kalmán, Ernst von Dohnanyi und Fritz Reiner unterrichtete.

Unter den knapp 200 Opuszahlen finden sich über 40 der Klaviermusik zugeordnete; die Kompositionen umspannen die Zeit von 1859 (Vier Klavierstücke op. 1) bis 1896 (Romantische Sonate in fis-Moll op. 184). Nebenbei: Die vor seinem 20. Geburtstag entstandenen Jugendwerke hat Rheinberger später nicht mehr gelten lassen.

Toccaten, Präludien und Fugen, Sonaten, Etüden, Tonstücke und Tonbilder, Studien, Variationen, Humoresken, Vortragsstücke für zwei Hände, dazu vier Werke zu vier Händen bzw. zwei Klavieren – so geschmeidig die handwerkliche Satzkunst (Rheinberger war ein gewiefter Kontrapunktiker), so untrüglich das Gespür für ausgewogene Formgestaltung, so vielseitig angelegt die Partituren im Einzelnen wie im Ganzen auch sind, sie wurzeln mit ihrer Tonsprache ausnahmslos tief in der Romantik, in der Tradition harmonisch unangefochten gefestigter, stets sicher fundierter gefälliger Musik. Das liess Rheinberger einerseits zu einem der Umworbenen seiner Epoche aufsteigen, andrerseits führte es im 20. Jahrhundert sein Schaffen für lange Zeit ins Vergessen.

Doch auch wenn für Rheinberger alle Modernitäten seiner Zeit ein Gräuel waren, wäre der Schluss, dass er ein akademischer Langweiler ist, fehl am Platz. Den ohne Beschränkungen eindrücklichen Beweis liefert Jürg Hanselmann, der sich mit technischer Brillanz und musikalischer Sensibilität, mit Energie, Vehemenz, Eleganz und Poesie für den Liechtensteiner Meister einsetzt und ihn (in den Duowerken zusammen mit seiner Frau Sandra Hanselmann-Kästli) mit einem in jeder Hinsicht einnehmenden, profilierten klingenden Denkmal ehrt.

In Noten publiziert wurde das Klavierwerk im Rahmen der 51-bändigen Rheinberger-Gesamtausgabe (Vol. 34–37), die im Carus-Verlag, Stuttgart-Echterdingen, betreut wird. (ws)

Josef Gabriel Rheinberger: Klavierwerke. Gesamteinspielung mit Jürg Hanselmann; in den Duos Sandra Hanselmann-Kästli. (Carus 83.365; Box mit 10 CDs und einem 40-seitigen Booklet dt./engl.)

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