14.05.2008 — Neue Musik für zwei Klaviere (oder ein Klavier und zwei Spieler) dürfte bei einem Publikum ausserhalb eines Expertenkreises eher einen schweren Stand haben. Häufig ist der Klang für Nichteingeweihte der Türöffner in einen neuen musikalischen Kosmos, dessen strukturelles Innenleben dann erst nach und nach geschätzt und für wichtig befunden wird. Ein Klavierduo bietet zu solchem schwerlich Hand. Natürlich wird die Pianistenzunft darauf hinweisen, dass auch ihr Instrument eine Fülle an Farben und Klangschattierungen zu generieren gestattet. Selbstverständlich gewürdigt und in ihren Nuancen gehört werden diese aber eben von denen, die über eine intime Kenntnis der Möglichkeiten und Grenzen von 88 Tasten verfügen und wissen, worauf sie zu achten haben.
Entkräften kann diese Diagnose auch die CD der Klavierduos Adrienne Soós und Ivo Haag (zwei Geschlechtsnamen, die dank ihrer strukturellen Ähnlichkeit für ein Duo ja wie geschaffen sind) nicht. Nicht alle der hier präsentierten Stücke sind unmittelbar zugänglich. Ungeübte könnten den Titel eines der Stücke − «molasse vivante» von Michel Roth − als programmatisch für das gesamte Programm betrachten. Diese Art von Musik, dazu gehört auch Krzysztof Meyers «Impromptu multicolore» aus dem Jahr 2000, wird wie so manches aus dem zeitgenössischen Musikschaffen im Konzertsaal und mit der Möglichkeit der direkten Kommunikation mit dem Publikum lebendig.
Werke wie Dieter Ammanns «regard sur les traditions (avec quelques trompes l’oreille)» − das einzige der CD für vier Hände auf einer Tastatur − und Kelterborns Sonate für zwei Klaviere aus dem Jahr 1955, respektive dessen Klavierstück 7 («Quinternio») von 2005 haben es da dank einer leichter zugänglichen Oberfläche einfacher.
Aber auch wenn sich die Duos, die ausser Kelterborns Frühwerk alle explizit für das Duo Soós/Haag geschrieben worden sind, dem Zuhörer in erster Linie im Konzertsaal erschliessen dürften, lohnt sich eine Beschäftigung mit der CD. Wie sehr die künstlerische Kompetenz des Duos geschätzt wird, zeigt etwa die Tatsache, dass Kelterborn zum späteren Stück vom Spiel der beiden des früheren inspiriert worden ist. Darüber hinaus scheint ein Kunstgriff im Booklet zur CD interessant, der wie eine Studie zur Verbalisierbarkeit abstrakter musikalischer Strukturen und der Perspektive von Komponist und Interpreten darauf anmutet.
Da äussern sich nämlich jeweils der Komponist und die Interpreten zu ihren Werken, und die Differenz regt an, die Musik selber hörend nach dem zu befragen, was denn nun ihr Wesen ausmacht. Ein Beispiel gefällig? Michel Roth kommentiert sein Stück folgendermassen: «(…) Die an geologischen Prozessen angelehnte Verwerfung und ineinander Verkeilung dieser Gestalten steigern ihre wechselseitigen Verfremdungen stellenweise geradezu in verstörende Paradoxien, (…)». Das Duo gibt sich da eher nüchtern: «(…) Sie werden oft rhythmisch parallel geführt oder aber in komplex ineinander verzahnten Rhythmen (..)» Generell scheinen die Interpreten sich eher zu fragen, wie etwas gemacht ist, als was es auslöst. Die Komponisten selber wiederum scheinen eher zu einer metaphorischen Deutung dessen zu neigen, was sie in Strukturen umgesetzt haben.
Sind das allgemein beobachtbare Mentalitätsunterschiede. Gelten sie bloss für die Neue Musik? Oder ist die Beobachtung anhand des bewusst zusammengestellten Booklets nur ein Artefakt?
Eine Überlegung ist das alles allemal wert. Und zum bessern Hinhören animiert es den geneigten Musikfreund mit Sicherheit. (wb)
Klavierduo Adrienne Soós/Ivo Haag: Werke für Klavierduo. Musiques Suisses Grammont Portrait, MGB CTS-M 107. Die Aufnahmen sind im Februar 2007 im Radiostudio Zürich entstanden.