19.06.2008 — Dass der 1908 in Sachseln (Kanton Obwalden) geborene Josef Garovi zu den innovativsten Schweizer Komponisten, zu den fortschrittlichsten katholischen Kirchenmusikern seiner Generation gehört, lässt sich in Einspielungen von neun Werken erfahren, die zum 100. Geburtstag des Musikers auf CD erschienen sind.
Beim 1954 komponierten und im gleichen Jahr uraufgeführten Proprium für vierstimmigen Chor und Orgel handelt es sich um das erste im Rahmen der Liturgie aufgeführte Werk, das auf Zwölftonreihen gebaut ist. (Ernst Kreneks «Missa duodecim tonorum» entstand 1957/1958, Anton Heillers «Missa super modos duodecimales» 1960.)
Den Hauptanteil im Œuvre Josef Garovis bilden Orgelwerke und Kirchenmusik. Ab 1949 arbeitete er mit Schönbergs Prinzipien der zwölf aufeinander bezogenen Töne, ohne aber tonale Bezüge restlos auszuschliessen. So dokumentiert jedes der hier erklingenden Werke, sei es meditativen, expressionistisch nervigen oder impressionistisch fluktuierenden Charakters eine andere Art der Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten der Zwölftontechnik. In den späteren Kompositionen wandte sich Garovi stärker der Tradition zu, ohne in postmoderne Gefälligkeit abzugleiten.
Die von grosser innerer Freiheit geprägte Vielfalt des Ausdrucks und der Klangfarben verbindet sich in seinen Werken mit einer hohen, souveränes Können dokumentierenden satztechnischen Disziplin, die offen bleibt für improvisationsartige Elemente. Das prägt die hier vorgelegten Kompositionen von den beiden Orgelwerken (Toccata, 1951, und Introduktion und Fuge über «Erschienen ist der herrlich Tag», 1968) und den zwei Klavierstücken (1975 und 1984) bis zu den Chorwerken (das erwähnte Proprium und die Bruder-Klaus-Motette «O min got und min her», 1972), dem unvollendeten Streichquartett (1985) und der Fantasie für Klarinette und Klavier (1973) sowie dem Capriccio für Klarinette und Kammerorchester (1977).
Josef Garovi studierte Musik in Luzern, Neuenburg und München sowie in Paris bei Marcel Dupré und Vlado Perlemuter; 1945 besuchte er einen Kompositionskurs bei Arthur Honegger. Von 1934 bis 1956 wirkte Garovi als Musiklehrer am Kollegium Sarnen und als Lehrer für Orgelspiel, gregorianischen Choral und Theorie an der Organistenschule Luzern. Von 1956 bis 1972 war er Chordirektor und Organist im Wallis, in Zürich und in Luzern. Danach lebte er bis zu seinem Tod 1985 im Tessin.
Die Organisten Olivier Eisenmann (Domorgel St. Gallen) und Eduard Kaufmann (Luzerner Hoforgel), die Pianisten Martin Derungs und Stefan Blunier, die Klarinettisten Heinz Hofer und Aurelian Popa, das Melos-Quartett, ein Vokalensemble, der Kammerchor von Studio Bern und das Rumänische Kammerorchester unter Mircea Cristescu tragen mit profilierten Interpretationen bei zu einer eindrücklichen Garovi-Hommage. (ws)
Josef Garovi: Kompositionen 1951–1985. Aufnahmen von Schweizer Radio DRS 2, 1969–2008. (Edition Cron, Luzern. Magnon PN 2032; 61’)