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Kontroverse um Marketing der Royal Opera

Nachricht vom 26.03.2008

Das blinde Vertrauen ins Marketing und in Event-Produzenten ist fatal, besonders dann, wenn Operhäuser und Sinfonieorchester keine anderen Ideen mehr hervorzubringen vermögen, als branchenfremde Agenturen mit der Nachwuchsförderung zu betreuen. Dann kommt es zu «folgenschweren» Fusionen, von György Ligeti mit den «Söhnen Mannheims» und dergleichen.

Es hiesse, die Realität gründlich zu verweigern, wenn man den kontinuierlichen Besucherschwund vor allem in klassischen Konzerten übersehen oder leugnen wollte. Dieser ist zwar nicht überall so dramatisch, wie er oft hingestellt wird, andererseits aber auch nicht ganz harmlos.

Fest steht aber, dass potentielle Interessenten jüngeren Alters kaum in grosser Zahl in den Konzertsälen und, wenn man genau hinsieht, auch nicht in den Opernhäusern anzutreffen sind. Wiederholt unternimmt man daher Versuche in die eine oder andere Richtung, um den Besucherschwund zu stoppen: Event und Cross-Over heissen die Rezepte und prompt sitzen dann alle im falschen Film, sowohl die Klassikliebhaber als auch die Popfans. Oder man spielt Musik in Scheunen, Helikoptern, auf Bergspitzen und wo vorhanden, in Kohleschächten, man organisiert Musikveranstaltungen mit gastronomischen Beilagen etc.

Es liegt im Wesen des «Events», dass sie «vereinzelte, alleingelassene Ereignisse ohne künstlerische Folgen sind, für Augenblicke hochgerissen und höchstens einen potemkinschen Eindruck hinterlassen» (Wolfgang Rihm). Das vielgepriesene und hochgelobte «unwiederholbare Erlebnis» ist immer nur jetzt; morgen war es nie gewesen. Denn: Event ist Verbrauch, Abschöpfung, nicht Wertschöpfung.

Es gibt vermutlich keine (älteren) Konzertbesucher, die sich nicht über junge Gesichter im Publikum freuen würden. Wer aber jüngere Leute zum Besuch philharmonischer Konzerte verführen will, tue es mit legalen und fairen Mitteln, nicht mittels missionarischer Heilsversprechungen. Nicht jede Musik ist mit jeder anderen kompatibel. Es gibt Musik, die, um mit Thomas Mann zu sprechen, aus «einem Stoff besteht, der durch etwas hindurchgegangen ist» und solche, die «aus erster, warmer und herzlicher Hand» lebt.

Verhängnisvoll wird es dann, wenn die anspruchsvolle Musik einfach als eine weitere Wellness-Kategorie auf dem kulturellen Freizeitmarkt angepriesen wird. Der oder die so Verführte fühlt sich bald einmal auf dem falschen Dampfer und … ist verstimmt. Die Angelockten kommen sich vor, als müssten sie an einer Zwangsfütterung teilhaben. Wir reden nicht über Ausnahmen.

Wichtig und richtig wäre: der Bedürftigkeit (nicht den Bedürfnissen) der Menschen Rechnung zu tragen: der Bedürftigkeit nach geistiger Teilhabe. Nur daraus erwachsen tiefe Erlebnisse. Kennenlernen führt zum Verstehen und damit zu emotionalen Bindungen, das ist in jeder Beziehung so. Menschen möchten mit Kunst dialogisieren. Da reicht es denn nicht, wenn ein smarter Conferencier mit einem Star der E-Musik-Szene über die Leichtigkeit des Musizierens schwadroniert.

Und noch etwas:
Die Zeiten, in denen arrogante und übergeschnappte Feuilletonisten in der Adorno-Nachfolge die Liebhaber von Tschaikowsky-Sinfonien kurzerhand als «philharmonischen Pöbel» taxierten, sind vorderhand vorbei. Es gilt Sorge zu tragen jener «Kundschaft», welche jenseits der Events die Konzertsäle weiterhin und regelmässig besucht. Warum eigentlich die stete Klage, man sähe kaum Leute unter 50 in den Konzerten oder in der Oper? Ganz abgesehen davon, dass alljährlich eine grosse Zahl neuer 50-Jähriger nachkommt, man darf sich bei der Gelegenheit an eine kaum widerlegbare Beobachtung des Jung-Regisseurs Stefan Bachmann erinnern:
«Es sind gerade die 60-bis 100-Jährigen, die ich nie mehr denunzieren möchte: das ist eine hochspannende Zuschauerschicht, oft mit einer unglaublichen Offenheit und einem sehr, sehr interessanten Umgang mit Stücken. Unsere spiessigen Besucher sind die Jungen, denen man sich überall öffnen will.»

 
  Armin Brunner
8702 Zollikon

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