20.06.2010 — Die deutsche Pianistin Susanne Kessel präsentiert einen der originelleren Beiträge zum Schumann-Jahr. Sie hat ein Dutzend Komponisten unterschiedlicher Nationalität damit beauftragt, ein Klavierwerk zu schreiben, das sich auf Werke des Jubilaren beziehen. Die zwischen knapp zwei und gut zehn Minuten langen Piècen bilden eine Art Poesiealbum, acht davon einen Zyklus als Reverenz an Schumanns Kreisleriana, die ja selber wiederum eine Verneigung vor einer literarischen Figur des romantischen Dichters E.T.A. Hoffmanns ist. Vier sind Einzelwerke. Die kompositorischen Mittel reichen von einer süffigen, melodiösen Milonga (einer Verarbeitung von «Kind zum Einschlummern» des Max-Raabe-Pianisten Christoph Israel) bis zu elektroakustischen Collagen (eine «Fantaisie Electroacoustique» von Kessels Duo-Partner Leon Milo).
Weitere Beiträge stammen von Michael Denhoff, Sascha Dragicevic, Ivan Sokolov, Alex Shapiro, Moritz Eggert, Alvin Lucier, Manfred Niehaus, Ulrike Haage, Mike Lang und Torben Maiwal.
Welchen inneren Zusammenhang die «Kreisleriana 2010» mit Schumanns originalem Zyklus hat, erschliesst sich nicht so ohne weiteres. Genauere Angaben dazu finden sich in den Texten zur CD nicht. Die Beiträge sind auch recht heterogen. Bloss als zufällige und gut gelabelte Aneinanderreihung darf man sie allerdings kaum betrachten. Dass der Pianistin das Werk Schumanns besonders am Herzen liegt und sie immer wieder herausfordert, hat sie vor vier Jahren bereits mit einer CD zum 150. Todestag des Komponisten unter Beweis gestellt.
Auf der Silberscheibe von 2006 hat sie sich eingehend und auf originelle Art mit der Schizophrenie Schumanns auseinandergesetzt. Vom amerikanischen Minimal-Music-Komponisten Alvin Lucier, der auch zur «Kreisleriana 2010» ein Stück beigesteuert hat, findet sich da eine in Schumanns Sterbezimmer aufgenommene Textmontage, die immer mehr in Rauschen übergeht. John Cages Tacet in «4′33”» macht das Sterbezimmer selber zum Instrument, und auch mit in Klang umgewandelten Hirnströmen, die während eines Epilepsie-Anfalls aufgezeichnet worden sind, arbeitet Susanne Kessel da.
Die in Bonn aufgewachsene Musikerin bewegt sich als Künstlerin mit Profil undogmatisch zwischen Tradition, Film- und Rundfunk und Neuer Musik und ist auch in Filmproduktionen selber aktiv. Für den Kinofilm «Blueprint», die Geschichte einer weltberühmten Pianistin, die sich klonen lässt, doubelte sie etwa die Schauspielerin Franka Potente, und für eine deutsch-britisch-niederländische Produktion, die Geschichte einer jüdischen Sängerin im Zweiten Weltkrieg (Paul Verhoevens «Black Book»), amtete sie als Klavier-Supervisorin. (wb)
An Robert Schumann. Kommentare zeitgenössischer Komponisten zu Werken Robert Schumanns. Susanne Kessel (Klavier), Obst Music P330.30, Bezugsnachweis: www.susanne-kessel.de