23.02.2013 — Man kann sich fragen, was einen vergleichsweise jungen Geiger (1967 geboren), der bislang nicht als Beethoven-Interpret hervorgetreten ist, dazu bringt, die Violinsonaten des Bonner Meisters gleich als Gesamteinspielung vorzulegen. Zweierlei dürfte dabei eine Rolle spielen: Leonidas Kavakos hat letztes Jahr mit dem renommierten Label Decca einen Exklusivvertrag abgeschlossen und den Zyklus an den Salzburger Festspielen realisiert (weshalb?). Die Tripel-CD – eingespielt mit dem italienischen Pianisten Enrico Pace – ist die erste Frucht der Label-Partnerschaft. Da muss schon etwas mit Profil her.
Ein gesamter Zyklus, ausgerechnet einer mit grenzensprengenden Beethoven-Werken, kann allerdings fast nur die Summe einer längeren Auseinandersetzung mit der entsprechenden Form sein und exemplarische Konzeptionen exemplifizieren, wenn nicht ein wilder Junger (oder eine wilde Junge, Patricia Kopatchinskaja wäre so etwas vor einigen Jahren möglicherweise zuzutrauen gewesen), eine freche, kühn-revolutionäre Sicht entwerfen würde. Alle andern riskieren automatisch den Vergleich mit historischen Vorläufern, und der ist – gerade mit Blick auf Beethoven – nun wirklich hart. Man denke an Duos wie Kremer/Argerich, Menuhin/Kempff, Grumiaux/Haskil, Busch/Serkin, Szeryng/Rubinstein, Kreisler/Rupp etc., etc.
Da enttäuscht Kavakos nun eher. Hört man etwa in die Frühlingssonate hinein, ist man erstaunt über die recht farbenarme Wiedergabe, in welcher der Puls ab und zu (etwa in regelmässigen Achteln) wackelt, und die zahlreichen Sforzati in immer gleicher, mechanisch anmutender Art exerziert werden. Aufhorchen lässt zwar der Flautando-Ton im Adagio, der aber über die mangelnde expressive Detailarbeit nicht hinwegtrösten kann. Auch über das Rondo wird eher pauschal hinweggehuscht.
Wir haben uns auch die Sonate op. 96 etwas genauer angehört und die gleichen Probleme zu erkennen geglaubt. Der langsame Satz wird allerdings wie vieles anderes deutlich entromantisiert. Da könnte man die Vermutung hegen, dass es dem griechischen Violinisten um eine expressive Entschlackung der im 20. Jahrhundert als Ikonen der romantischen Interpretationskunst genutzten bis missbrauchten Sonaten gehen könnte. Dem steht allerdings ein überaus empathischer Text von Kavakos im Booklet entgegen. Beethoven habe gefühlt, schreibt der Geiger, dass er diese Welt nicht verlassen könne, bevor er nicht erfüllt habe, was ihm anvertraut war.
«Indem er sein Kreuz trug», so der Text weiter, «rührte der gewaltige, grimmige, unnachgiebige, unberechenbare, doch vor allem überaus sensible Beethoven an neue Horizonte und erschloss sie der Menschheit». Das tönt nun wirklich nicht gerade nach emotionaler Distanz. Möge die Ausprägung seines Geschickes einen Aufruf zur Weiterentwicklung auslösen – die kompromisslose Bedingung für den Eintritt in eine neue Ära, endet der Text. Kavoakos sollte sich beim Wort nehmen. (wb)
Beethoven Violin Sonatas. Leonidas Kavakos (Violine), Enrico Pace (Klavier). Tripel-CD, Decca Best.-Nr. 478 3523