01.07.2011 — Seit langem verzichtet sie auf solistische Rezitals, zieht es vor, sich mit Orchestern, mit einem Kern bestandener Kollegen und handverlesenen profilierten Nachwuchskünstlern der Konzert-, der Duo-Klavier- und der Kammermusik zu widmen.
Einen Glanzpunkt setzt die argentinische Pianistin dabei seit 2001 im Rahmen des sommerlichen Lugano Festival mit dem «Progetto Martha Argerich» – in diesem Jahr findet es zum zehnten Mal statt; die künstlerische Leiterin ist – kaum zu glauben – vor kurzem 70 geworden.
Einige Höhepunkte des Freundes-Festivals 2010 liegen nun in einem drei CDs umfassenden Album vor. Aus Anlass ihres 200. Geburtstags standen Chopin und Schumann im Zentrum; Duos, Quintette und Arrangements von bekannten und weniger populären Komponisten bildeten einen weiteren Schwerpunkt. Omnipräsent: das Klavier.
Martha Argerich, wie eh und je technisch fulminant und von bezwingender emotionaler und intellektueller Intensität, ist zu erleben in Chopins 1. Klavierkonzert (mit dem Orchestra della Svizzera Italiana unter Jacek Kaspszyk), in «Les Préludes», Liszts eigener Fassung seiner sinfonischen Dichtung für zwei Klaviere, mit Daniel Rivera, in Schumanns Adagio und Allegro op. 70 mit Gautier Capuçon (Cello) und in Bartóks Sonate für zwei Klaviere und Schlagzeug mit Stephen Kovacevich und den Schlagzeugern Louis Sauvêtre und Danilo Grassi.
Die Besten der Besten um sich zu scharen, ist Martha Argerichs Devise, keine stromlinienförmig Angepasste, vielmehr Interpretinnen und Interpreten mit Ecken und Kanten, Musiker, die sich auf Neues, auf Risiken einlassen, sich wechselnd gruppieren.
Musik für zwei und für drei Klaviere: Nicholas Angelich und Lily Maisky widmen sich Brahms’ Variationen über ein Thema von Robert Schumann op. 23, Gabriela Montero und Alexander Gurning stellen Percy Graingers «Fantasy on Porgy and Bess» von Gershwin vor, und Giorgio Tomassi, Carlo Maria Griguoli und Alessandro Stella bringen Griguolis exzellente Transkription von Strawinskys «L’oiseau de feu»-Suite zur Aufführung.
Drei im Konzertsaal selten erklingende Klavierquintette bereichern diese Festival-Sammlung. Erich Wolfgang Korngolds E-Dur-Quintett op. 15 (Alexander Mogilevsky, Klavier, Alissa Margulis und Lucia Hall, Violinen, Nora Romanoff-Schwarzberg, Viola, und Mark Drobinsky, Cello), das g-Moll-Quintett op. 49 von Enrique Granados (Gabriela Montero, Klavier, Alissa Margulis und Geza Hosszu-Legocky, Violinen, Lida Chen, Viola, Natalia Margulis, Cello) und Alfred Schnittkes Quartett op. 108 (Lilya Zilberstein, Klavier, Dora Schwarzberg und Lucia Hall, Violinen, Lida Chen, Viola, und Jorge Bosso, Cello).
Der gestalterische Schwung, die stilistische Akkuratesse, die Perfektion und innere Kohäsion des Zusammenspiels jeder einzelnen dieser Interpretationen sind spürbar gestützt durch die starke Spannung, unter der ad hoc formierte Ensembles stehen, und natürlich die Situation der Live-Aufnahme. – Alles in allem: musikalische Sternstunden! (ws)
Martha Argerich and Friends. Live from Lugano 2010. Werke von Bartók, Brahms, Chopin, Gershwin/Grainger, Granados, Korngold, Liszt, Schnittke, Schumann, Strawinsky/Griguoli. (EMI Classics 70837 2; 3 CDs; 240’)