28.02.2009 — Mozarts Gran Partita und Alban Bergs Kammerkonzert auf eine CD gepackt? Man hat im ersten Moment Mühe, die Programmidee dahinter zu erahnen. Da es sich bei den Interpreten um das Ensemble Intercontemporain unter der Leitung von Pierre Boulez, die Pianistin Mitsuko Uchida und den Geiger Christian Tetzlaff handelt, muss man allerdings eine solche vermuten, denn Boulez und dem Neue-Musik-Ensemble wagt man fast nicht zu unterstellen, sie füllten eine CD mit disparaten Werken, einfach weil’s besetzungsmässig gerade machbar ist.
Von der Erklärung, die Boulez im Booklet zu der Zusammenstellung gibt, weiss man aber auch nicht so recht, wie ernst gemeint sie wirklich ist. Bei Mozart benötige man dreizehn Blasinstrumente, bei Berg ebenso, bei letzterem zusätzlich eine Geige und ein Piano. Zwei plus dreizehn mache fünfzehn, eine für den Zahlenspekulanten Berg heilige Zahl, da Schönbergs Kammersinfonie op.9, ein Schlüsselwerk für Berg, wiederum nach so vielen Musikern verlange. Es entspräche also sicher Bergs Vorstellungen, die beiden Werke miteinander in Verbindung zu bringen. Ob uns Boulez auf den Arm nehmen will? Auch andere haben aufs Alter hin ja schon eine lakonische Art des Humors entwickelt.
Musikalisch haben die beiden Werke denkbar wenig gemeinsam. Ausser der Instrumentierung findet man da kaum tiefere Bezüge. Wohl wahr, dass Mozart und Berg einen Hang zur Dramatik hatten, gerade in diesen Werken aber äussert er sich auf vollkommen unterschiedliche Weise. In der Mozart-Partita hört man die Opernästhetik des Salzburger Meisters mit, und das Zeitkolorit der Militärmusiken. In der Version des Ensembles Intercontemporain tönt manches denn auch herb, ja fast schrill, was den Tonsatz aber in keiner Art beschädigt; vielmehr erfüllt es ihn mit Spannung und Energie.
Bergs Kammerkonzert wiederum spielt zwar mit Versatzstücken aus früheren Epochen, es sind aber nicht solche aus Mozart Zeit, sondern nachfolgender Generationen, die auch einen ganz anderen Gestus pflegten: Romantisches und Zirzensisches in einem Gravitationsfeld, in dessen Zentrum Walzer und Ländler ihre Pirouetten drehen.
So zeigt die Werkzusammenstellung denn auch vor allem, wie unterschiedlich man dieselbe, klanglich vieles in einem engen Rahmen haltende Besetzung kompositorisch nutzen kann − ohne damit automatisch eine formale Klammer zu schaffen. Und sie ist mit Blick auf das zwölftönige Kammerkonzert (das Boulez und das Ensemble Intercontemporain vor etlicher Zeit auch schon mit Daniel Barenboim und Pinchas Zukerman eingespielt haben) mal etwas anderes als die in aller Regel übliche Kombination mit Bergs Violinkonzert. (wb)
Mozart 13 Berg: Gran Partita in B-Dur, KV 361/370a (Mozart), Kammerkonzert (Berg), Ensemble Intercontemporain, Pierre Boulez (Leitung), Mitsuko Uchida (Klavier), Christian Tetzlaff (Violine), aufgenommen im März 2008 im Ircam Paris, Decca 478 0316.