13.05.2011 — In der Schweiz wird fleissig an Musikinstrumenten gebastelt. An neuen, aber nicht zuletzt auch an alten. An der Berner Hochschule der Künste (HKB) haben sich mehrere Teams mit den Blechblasinstrumenten des 19. Jahrhunderts auseinandergesetzt (siehe dazu folgenden Codex-flores-Dossiertext). An der Schola Cantorum Basiliensis widmete man sich der Grande Écurie und der Gardes Suisses am französischen Hof Ludwigs XIV. und XV: Trompettes, Violons, Hautbois, Saqueboutes, Cornets, Musettes du Poitou, Fifres, Tambours, Cromornes und Trompettes marines. Die Namen alleine sind schon Musik.
Die Klangerzeuger haben nicht nur abenteuerliche Namen, sie tönen auch so. Écuries sind im Grunde genommen Pferdeställe. Sie waren aber auch Ort der Musik am französischen Hof der absolutistischen und prunksüchtigen Ludwige die soundsovielten. Aus überlieferten Dokumenten hat das der Basler Schola verbundene Team unter der Leitung der Musiker und Musikforscher Thomas Drescher und Thilo Hirsch über zwei Jahre ihre Musik erforscht und die Instrumente nachgebaut.
Da finden sich abenteuerlich anmutende Gebilde wie die Trompettes marines. Es handelt sich dabei nicht etwa um Blechblasinstrumente, wie man zunächst meinen könnte, sondern um Varianten der sogenannten Trumscheite mit länglichem Korpus und Saiten, die gestrichen werden.
Auch die musikalischen Formen, die damit gepflegt wurden, sind alles andere als langweilig: Da gab’s den Combat grotesque und die Maskeraden, teils mit orientalischen Motiven. Natürlich wurden Jagdgesellschaften reichlich mit Musik versorgt. Und es gab sogar veritable Grossstadt-Musik – le grand bruit – die das Treiben und Lärmen in Paris nachahmte.
Die farbige, sinnenverliebte, prahlerische Musik, die der Hof sich sicherlich etwas kosten liess, ist Zeugnis einer Gesellschaft, die sich grenzenlos zu amüsieren wusste.
Längere Aufmerksamkeitsspannen und Neugier schienen allerdings nicht das Ding der höfischen Gesellschaft im Glanze der Bourbonen gewesen zu sein: Über einen Zeitraum von mehr als hundert Jahren erscheinen immer wieder dieselben Werke – meist eher kürzere Sätze im Stil der französischen Suite. Um eine etwas grössere Dramaturgie zu erreichen, sind für die CD deshalb jeweils mehrere Stücke kaleidoskopartig zu einem Block zusammengestellt worden.
Die teils masslosen Amüsiergesten werden da auch zu Vanitas-Motiven. Man erinnert sich unvermittelt und mit etwas Schaudern an die skurrile Art, wie Jean-Baptiste Lully, einer der hier prominent vertretenen Hof-Compositeure (heute würde man wohl «Composer in Residence» sagen) zu Tode gekommen ist: Er schlug sich mit dem reich verzierten, schweren Stab, den er zum Anschlagen des Taktes nutzte, selber auf den Fuss und weigerte sich, den Zeh, der sich in der Folge entzündete, amputieren zu lassen. Adieu, du parfümierte Welt der Reichen und Schönen.
Infos zum Basler Projekt:
www.rimab.ch/content/la-grande-ecurie-du-roi-de (wb)
Musique de la Grande Ecurie & des Gardes Suisses: Descente de Mars – Concert militaire (J.-B. Lully, A. Philidor); Le Combat grotesque (A. Philidor, J.-B. Lully); Pompes Funèbres (J. Philidor, A. Philidor, J.-B. Lully, L. Couperin, F. de Chansy); Charivary – Mascarades (J.-B. Lully, A. Philidor, De Grignis); Les Trompettes de la Chambre et des Plaisirs (A. Philidor).
Musiques Suisses in Koproduktion mit Schweizer Radio DRS. Mitwirkende: ensemble arcimboldo; Trompetenensemble der Schola Cantorum Basiliensis; Thilo Hirsch, Gesamtleitung. MGB CD 6267. Bezugsnachweis: www.musiques-suisses.ch