24.02.2009 — Wir befinden uns in einem Händel-Jahr, werfen also einmal mehr den Blick zurück in eine Epoche dessen, was wir heute als Alte Musik bezeichnen. Der Schöpfer der Wassermusik und zahlreicher heute wieder überaus populärer Opern steht für eine ganze Epoche, die in Kammermusik und Musiktheater noch (oder wieder) Entdeckungen erlaubt. Ironischerweise ging es den Musikern zu Händels Lebzeiten genauso. Ihren zeitgenössischen (und heute alten) Klängen setzten sie aus ihrer Perspektive alte (und aus heutiger Sicht schon ausgesprochen alte) musikalische Universen entgegen und erforschten diese in … einer Academy of Ancient Music. Die klangliche Wiederbelebung versunkener Zeiten selber scheint also ein zeitloses Phänomen zu sein.
In der Academy richtete sich der Blick vor allem auf das Elisabethanische Zeitalter. Das hatte etwas für sich: Wenn wir 1560 als Stichdatum für die Kultur am Hofe Elisabeth I. festlegen, dann war dessen Musik für die Zeitgenossen Händels von 1710 − dem Gründungsjahr der Academy − etwa so weit entfernt, wie für uns heute die Musik von 1859, also etwa die Uraufführung von Charles Gounods «Faust» oder die Entstehung von Wagners «Tristan und Isolde». Man vergisst diese zeitlichen Distanzen der aus heutiger Sicht historischen Epochen aus der geschichtlichen Ferne ganz gerne.
Ein wichtiger Mitbegründer der Academy war Johann Christoph Pepusch, der wie Händel als deutscher Tonschöpfer seinen künstlerischen Weg vor allem in England machte und mit der «Beggar’s Opera» so etwas wie einen satirischen Gegenentwurf zu Händels kommerziell erfolgreichen Dramen schuf. Die Bettleroper begründete eine Tradition der «Ballad Opera», die bis heute dafür sorgt, dass die britische Opernästhetik bodenständig und volksverbunden geblieben ist. Reverenz erwiesen haben ihr überdies Bert Brecht und Kurt Weill mit ihrer Adaption in Form der «Dreigroschenoper».
Es wäre aber falsch, Pepusch einfach als bacchantischen Gegenpart zu Händel zu sehen. Der Berliner Pfarrerssohn lehrte an der Oxford University und war selber ein einfallsreicher, handwerklich souveräner und mit hohem ästhetischem Geschmack geschlagener Komponist. Einen Glücksfall bildet deshalb die Tatsache, dass ihm just im Vorfeld zum Gedenkjahr an seinen grossen Gegenpart Händel das Basler Ensemble La Tempesta mit einem beim spanischen Label Enchiriadis erschienen Album ein Denkmal gesetzt hat.
Das Ensemble besteht aus dem Tenor Felix Rienth, der Blockflötenspielerin Muriel Rochat Rienth (die das Ensemble auf der CD auch leitet) sowie einem Basso continuo aus Norberto Broggini (Cembalo und Orgel) und wahlweise der Gambistin Romina Lischka und dem Barockfagottisten Philippe Miqueu.
Das Ensemble hat vier Kantaten für Tenor und Blockflöte, drei Blockflötensonaten und sechs sogenannte «Voluntaries» für Orgel solo auf Silberscheibe gebrannt, die es bereits im September 2006 in der Kirche von Betberg im Schwarzwald aufgenommen hat. Der Kirchenraum und vermutlich auch die Kunst des Basler Tontechnikers Gabor Kartschmaroff sorgen für einen ungewöhnlich ausgewogenen und warmen, differenzierten und dennoch geschlossenen Gesamteindruck − kein geringes Kunststück, erzeugt das Ensemble mit einer Stimme, einem Blas- und einem Streichinstrument sowie dem Cembalo doch einen ausgesprochenen Spaltklang.
Die farbige, transparente und einfallsreiche Musik ist auch interpretatorisch in besten Händen (und Kehlen). Muriel Rochat Rienth entlockt ihrem von Natur aus wenig modulationsfähigen Instrument fein gestaltete und organisch aufblühende Linien, der Tenor Felix Rienths hält damit souverän und ebenbürtig Zwiegespräch, Norberto Broggini lässt als Solist ahnen, dass Pepuschs Orgelmusik auch über Spezialistenkreise hinaus eine Wiederentdeckung wert ist, und die Generalbassgruppe entledigt sich ihrer Aufgabe mit der nötigen Diskretion und Delikatesse. (wb)
Pepusch: Tenor Cantatas, Recorder Sonatas, Felix Rienth (Tenor), Muriel Rochat Rienth (Blockflöte), Norberto Broggini (Cembalo und Orgel), Romina Lischka (Viola da Gamba), Philippe Miqueu (Barockfagott).Enchiriadis 2008, Best.Nr. EN 2024. Webseite des Ensembles: www.latempestabasel.com