15.07.2008 — Eines der zentralen Klavierœuvres in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts ist György Ligeti (1923–2006) zu verdanken. Die frühesten erhaltenen Stücke – inspiriert von der ungarischen Volksmusik und dem Idiom Bartóks – stammen aus den Vierzigerjahren, seiner Studienzeit in Kolozsvár und Budapest, weitere entstanden, als er an der Musikhochschule Budapest unterrichtete (1950–1956).
Seinen persönlichen Stil erarbeitete sich Ligeti nach seiner Emigration in den Westen in der Auseinandersetzung mit dem Schaffen der aktuellen Avantgarde (Darmstädter Schule, dann Cage, Harry Partch und Nancarrow) und entwickelte ihn weiter in prägnanten Phasen. Internationale Beachtung fand er 1960 am IGNM-Festival in Köln (mit «Apparitions») und ein Jahr später in Donaueschingen (mit «Atmosphères»).
Im Zentrum seines Klavierschaffens stehen die drei Hefte (1985, 1993, 2001) mit 18 Etüden, in denen Ligeti die kompositorischen wie die spieltechnischen Möglichkeiten in konsequenter intellektueller und emotionaler Durchdringung auslotet. Den exorbitanten Anforderungen dieses Zyklus stellt sich der 1968 in Schweden geborene Frederik Ullén mit imponierender handwerklicher Souveränität und geistiger Durchdringung.
Das 2-CD-Album enthält weitere 13 Werke, davon als Ersteinspielungen den ursprünglich als 11. Etüde geplanten, vom Komponisten jedoch ausgeschiedenen Satz «L’arrache-cœur» (1994) und die Vier frühen Stücke (Basso ostinato) von 1941. Die vier Werke für Klavier vierhändig bzw. die Drei Stücke (1976) für zwei Klaviere hat Ullén im Playback, erst den Primo-, dann den Secondopart, aufgenommen – in perfekter Übereinstimmung mit sich.
Nikolai Medtner: Klaviermusik
Ein Musiker zwischen allen Stühlen. Nikolai Medtner (1880–1951), der russische Meisterpianist und Komponist deutscher Herkunft, studierte und lehrte in Moskau, begeisterte auf Tourneen durch Europa das Publikum, verliess 1921 das postrevolutionäre, von Bürgerkrieg zerrüttete Russland, lebte bis 1924 in Berlin, zog dann nach Paris, wo er mit Glasunow und Rachmaninow Umgang pflegte, sich aber von Neuerern und den aktuellen Strömungen fernhielt.
1936 liess er sich in London nieder, wo er zurückgezogen lebte. Einen potenten Gönner hatte Medtner im Maharadscha von Mysore, der 1948, drei Jahre vor dem Tod des Musikers, die Medtner-Gesellschaft gründete und Schallplattenaufnahmen förderte.
Nicht unverständlich, wenn die unruhige Existenz in unheiler Zeit Zuflucht nimmt zu heiler (heilender) Kunst. Nikolai Medtner jedenfalls, der Germanophile, in dessen Werkverzeichnis das Schaffen für Klavier den gewichtigsten Teil beansprucht, war inspiriert von deutscher und russischer Tradition, hielt sich ans gesicherte Erbe der Klassik, Romantik und der milden Spätromantik, an Meister wie Beethoven, Schumann, Chopin, Liszt, Skrjabin, Rachmaninow, Reger – allerdings wich er den Brüchen und verstörenden Abgründen aus. Der «russische Brahms» wurde Medtner genannt, der Brahms zwar nicht schätzte, doch Eigenheiten seines Klaviersatzes übernahm.
In emotionale Wechselbäder, in Verunsicherung und Bestürzung gar gerät man nicht beim Hören dieser sieben CDs, die zwölf formal frei gehandhabte Sonaten (die kürzeste dauert 14 Minuten, die längste, einsätzige, 34) und zahlreiche Einzelstücke und Zyklen enthält und einen charakteristischen Überblick über Medtners Klavierwerk vermittelt.
Die rückwärtsgewandte ästhetische Haltung, die Verwurzelung in neoklassizistischem Boden ist nicht ohne Reiz. Denn Medtners Musik weist sich aus durch melodische Eingängigkeit, fliessende Entwicklung, lyrische Noblesse, balladesk-narrative Züge, Originalität im Kleinen, durch Transparenz trotz dichter, oft kontrapunktisch verfugter Textur und nicht zuletzt durch glänzende pianistische Brillanz samt opulenter Expressivität mit introvertierten Zügen.
Der sanfte Hauch des Parfüms einer untergegangenen Welt strömt aus diesen Klängen, denen der britische Pianist Hamish Milne (mit Boris Berezovsky als Partner in den Stücken op. 58 und Geoffrey Tozer, der zwei Sonaten übernommen hat) dank bewundernswerter Einfühlung und stupender Technik der ideale Anwalt ist.
François Couperin: Die Werke für Cembalo
Ein Schwergewicht in der Gilde der französischen Clavecinisten ist François Couperin (1668–1733), und mit seinem Hauptwerk, den vier Livres de pièces de clavecin, gegliedert in 27 Ordres (Suiten), ediert 1713, 1716, 1722 und 1730, behauptet sich Couperin le Grand als sicherer und hochgeschätzter Wert für Interpret und Publikum.
Eine Gesamtaufnahme legt der Cembalist (und in Tel Aviv arbeitende Journalist) Michael Borgstede auf elf CDs vor. An zwei Instrumenten – Nachbauten von 1998 bzw. 1995 durch Titus Crijnen nach Joannes Ruckers (1638) und Henri Hemsch (1754) – entfaltet er, ganz nach Couperins Anweisungen, eine facettenreiche Palette von Stimmungen: majestueusement, gracieusement, tendrement, naïvement, grotesquement, douloureusement, dans le goût burlesque …, einen glanzvollen Kosmos höfischer Tanzsätze und Charakterstücke, reich garniert mit Girlanden glitzernder und funkelnder Verzierungen. In fünf Sätzen bringen die Geigerin Sophie Gent bzw. der Gambist Joshua Cheatham zusätzliche Abwechslung ins Klangbild.
Auch die acht Préludes und die Allemande aus Couperins Lehrbuch «L’Art de toucher le clavecin» von 1716 hat Borgstede nach des Komponisten Vorschlag an die Spitze ausgewählter Suiten gestellt. (ws)
György Ligeti: Complete Piano Music. Frederik Ullén. (BIS-CD 1683/84; 2 CDs; 130’. Booklet engl., dt., frz.)
Nikolai Medtner: Piano Sonatas (complete); Piano Works. Hamish Milne. (Brilliant Classics 8851; 7-CD-Box. Booklet engl.)
François Couperin: 4 Livres de pièces de clavecin. Complete harpsicord music. Michael Borgstede. (Brilliant Classics 93082; 11-CD-Box. Beiheftchen engl.)