Drücke „Enter”, um zum Inhalt zu springen.

Othmar Schoecks Chorwerke

06.06.2007 — Im Jahr 2002 ist unter der Regie des Zürcher Musikwissenschaftlers Bernhard Billeter und im Auftrag der Othmar Schoeck Gesellschaft (www.othmar-schoeck.ch) der achte Band der Schoeck Gesamtausgabe erschienen. Er dokumentiert die Chorwerke des Komponisten. Nun liegt in erstmaliger Einspielung eine reichhaltige Auswahl aus diesen Werken vor – realisiert vom MDR-Rundfunkchor und -Sinfonieorchester unter der Leitung von Mario Venzago und Howard Arman. Als Aufnahmeort diente im Dezember 2006 und Januar 2007 der Sendesaal des Mitteldeutschen Rundfunks.

Dass die einmalige Gelegenheit, für den hier und dort noch unterschätzten Tonschöpfer die Lanze zu brechen, nicht von einem Schweizer Berufsensemble ergriffen worden ist, mag nicht zuletzt finanzielle Gründe haben; den Schweizer Laienchören, denen viele der Titel zugedacht waren, stünden heute die künstlerischen Ressourcen nicht mehr zur Verfügung. Viele dieser Traditionsvereine sind massiv überaltert und einige zu Schoecks Zeiten stolze Sängerscharen zu kümmerlichen Grüppchen zusammengeschmolzen. So hat sich der Männerchor Lachen, dem Schoecks auf der CD zu findendes Lied «Vision» gewidmet ist, gerade erst selber aufgelöst.

Die ästhetische Distanz, die durch die Tatsache, dass Leipziger Akteure und nicht etwa die Zürcher Tonhalle die teils masslos monumentalen, teils recht patriotischen Partituren zum Klingen bringen, verhindert allerdings, dass unnötige Diskussionen um ideelle Aspekte den Blick auf die ästhetischen Qualitäten der Musik versperren: Schoeck hatte, wie Beat Föllmi, der Editionsleiter der Gesamtausgabe, im Booklet zu der Einspielung schreibt, ein zwiespältiges Verhältnis zum Chorwesen, einer Hochburg des nationalen Konservativismus. Seine Sänger ärgerte er deshalb gerne damit, dass er sie «zuweilen an die Grenzen ihrer Möglichkeiten» brachte. So konnte er sich an «der Engstirnigkeit des damaligen schweizerischen Chorwesens rächen» – und über weite Strecken wirklich gute Musik schreiben.

Am besten ist Schoecks Vokalmusik dabei in dramatischen und parodistischen Passagen – etwa in den unerbittlichen «Trommelschlägen» nach einem Gedicht von Walt Whitman, mit denen er die Folgen des Ersten Weltkriegs geisselt, oder in dem sich grotesk dahinschleppenden «Die Drei», einer Vertonung eines Textes von Niklaus Lenau über das Sterben geschlagener Soldaten. Auch eine Farce wie das «Ratskollegium» aus der «Kantate» für einen salbadernden Bariton (Ralf Lukas) und höhnische tiefe Blechbläser muss beim Spielen und Singen mindestens soviel Spass machen wie sie den Hörer bestens unterhält.

Daneben dokumentieren die Männer des MDR-Rundfunkchors A-capella-Männerchöre, die auch das Repertoire heute noch aktiver Ensembles durchaus bereichern könnten, neben «Die Drei» der optimistisch beschwingte «Zimmerspruch», die angesichts des beissenden technik-kritischen Textes von Hermann Hesse musikalisch fast etwas zahme «Maschinenschlacht» und die «Gestutzte Eiche».

Für künftige alternative Einspielungen der vorliegenden Werke legen die Interpreten dieser CD die Messlatte sehr hoch. Neben den bereits erwähnten sind dies der Tenor Martin Homrich sowie Steffen Schleiermacher, Justus Zeyen (Klavier), Frank Zimpel (Orgel), Bernd Angerhöfer (Tuba), Eckart Wiegräbe, Lutz Grützmann und Fernando Günther (Posaunen) sowie Gerd Schenker und Sven Pauli (Schlagzeug). (wb)

Othmar Schoeck, Chorwerke: Trommelschläge, Op. 26, Der Postillon Op. 18, Dithyrambe Op. 22, Wegelied Op. 24, Für ein Gesangfest im Frühling Op. 54, Kantate Op. 49, Vision Op. 63, Rückblick (Zu einer Konfirmation), Spruch Op. 69 No. 1, Einkehr Op. 69 No. 2, Die Drei WoO No. 39, Zimmerspruch WoO No. 43, Maschinenschlacht Op. 67a, Gestutzte Eiche Op. 67b. Martin Homrich (Tenor), Ralf Lukas (Bass-Bariton), MDR-Rundfunkchor, MDR-Sinfonieorchester, Mario Venzago (Leitung), Howard Arman (Leitung), Gesamtdauer: 74’46, Claves CD 50-2701, bei Amazon kaufen

Schreibe einen Kommentar