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Pianisten und Komponisten: Leimer und Field

20.03.2009 — Vier Konzerte für sein Instrument und einige Solowerke hat der deutsche Pianist Kurt Leimer (1920–1974) komponiert. Dass er beim illustren Rachmaninow-Schüler Wladimir Horbowsky studierte, hat sich im 1955 fertiggestellten 4. Konzert niedergeschlagen. Es ist von russischem Habitus geprägt mit kantigen Themen, schwerem Orchestersatz mit kompaktem Blechbläserharst, verweist auch mal auf Bartók, ist thematisch dicht verzahnt, spielt mit motivischen und rhythmischen Partikeln und Einflüssen des Jazz, verschmilzt in seiner einsätzigen Anlage Sonaten- und Rondoform. Er habe sich hier die Aufgabe gestellt, erläuterte Leimer, «grösste Gegensätze in eine Synthese zu zwingen, ohne dabei die Einheit des Charakters im Ganzen zu gefährden».

Keines von Leimers Klavierkonzerten hat den Einzug ins Repertoire der Raritäten geschafft; die technischen Schwierigkeiten des Soloparts, den sich Leimer in seine Hände geschrieben hat, sind auch im 4. Konzert dermassen exorbitant, dass andere Pianisten lieber die Finger davon lassen.

So hält man sich denn mit Gewinn an Leimers eigene Interpretation, die er 1961 in New York mit dem Dirigenten Leopold Stokowsky für das Label EMI realisierte und deren Masterbänder (mono) für die vorliegende CD aufbereitet wurden.

Kurt Leimers Eloquenz, Klarheit und unfehlbare technische Souveränität mit lockerem Anschlag und federnder Rhythmik ist desgleichen zu bewundern in der 1970 realisierten Einspielung von Gershwins Concerto in F, in der Leimer die Welt des Jazz und jene der Klassik in elegant austariertem Gleichgewicht hält.

Nach Leimers Einspielungen seines Klavierkonzerts für die linke Hand (Philharmonia Orchestra London unter Karajan; 1954) und dem Panathenäenzug op. 74 von Richard Strauss (Nürnberger Symphoniker unter Neidlinger; 1972) liegt die vierte CD der durch die Kurt Leimer Stiftung, Zürich, betrauten Sonderedition im Label Colosseum Classics vor. Das Album enthält Kurt Leimers persönlichkeitsstarke, romantischen Überdruck meidende Interpretationen von Brahms’ 2. Konzert (Mono-Aufnahme aus den späten Sechzigerjahren) und Tschaikowskis b-Moll-Konzert (eingespielt 1971, stereo), vitale und künstlerisch berührende Zeugnisse eines der zu früh verstorbenen grossen Pianisten des 20. Jahrhunderts.

John Fields Klavierkonzerte

Die beiden sind, wenigstens im Bewusstsein der Klaviermusikfreunde, unzertrennlich: Field und Nocturne. Das ehemalige Nachtstück oder Abendständchen als Freiluft-Serenade importierte der Ire John Field in die häusliche Klaviermusik. Der Pole Frédéric Chopin hat dann die träumerische Nocturne – wie Scherzo und Ballade – als ureigene Gattung und Ausdrucksform für den Konzertsaal adaptiert.

Der Name Fields (er lebte von 1782 bis 1837) bleibt auch verbunden mit jenem Muzio Clementis, seinem Lehrer, Arbeitgeber in dessen Klavierhandlung in London und Reisebegleiter nach Paris, Wien, St. Petersburg (1802). Nach Clementis Rückreise 1803 blieb Field in Petersburg; in Russland konzertierte, unterrichtete und komponierte er mit eklatantem Erfolg, liess sich 1821 in Moskau nieder. Anfang der Dreissigerjahre unternahm er, gesundheitlich geschwächt, eine Reise durch Mitteleuropa. 1837, erst 55-jährig, starb Field, weitgehend vergessen, in Moskau.

Vor einem Jahrzehnt haben der Pianist Míceál O’Rourke, der sich u. a. auch als Interpret Chopins, Schumanns, Debussys, Brittens einen Namen gemacht hat, und die London Mozart Players unter Matthias Bamert die sieben zwischen 1799 und 1822 komponierten Klavierkonzerte Fields für Chandos eingespielt. In einer Box mit vier CDs und ausführlichem Booklet (engl., frz.) sind sie nun, digital aufgefrischt, wieder erhältlich. Als Zugabe: Divertissements 1 und 2, das As-Dur-Klavierquintett und die Nocturne Nr. 16.

Die Vorzüge Fields, die von Schumann, Liszt, Glinka (einem von Fields Schülern) und Busoni respektvoll gerühmt wurden, liegen nicht in auftrumpfender Virtuosität (bezeichnend der Verzicht auf Kadenzen), vielmehr nehmen sie ein durch eindringliche Rhetorik, pianistische Delikatesse, sensible Ausdrucksnüancen, atmosphärischen Reiz, Grazie und Poesie. Entsprechend ist der Orchestersatz transparent, die Instrumentation (Bläser!) erfindungs- und farbenreich. Und alles wächst formal übersichtlich aus quasi improvisatorischem Gestus, was dem musikalischen Verlauf und dem Klaviersatz Frische und Überraschung sichert.

In den Interpretationen kommen diese Vorzüge in überzeugender Art zum Ausdruck, sowohl in der klanglich und agogisch differenzierten pianistischen Bewältigung wie in der inspirierten Umsetzung des Orchesterparts. (ws)

Kurt Leimer: Klavierkonzert Nr. 4 in einem Satz (1955). George Gershwin: Concerto in F. – Kurt Leimer, Klavier. Skyline Symphony Orchestra; Leitung Günther Neidlinger (Leimer). Symphony of the Air-Orchestra New York; Leitung Leopold Stokowski (Gershwin). (Colosseum Classics COL 9202.2; 67’)

Brahms: Klavierkonzert B-Dur op. 83. Tschaikowski: Klavierkonzert b-Moll op. 23. – Kurt Leimer, Klavier. Nürnberger Symphoniker; Leitung Erich Kloss (Brahms). Symphony of the Air-Orchestra New York; Leitung Günther Neidlinger (Tschaikowski). (Colosseum Classics COL 9203.2; 76’)

John Field: The Piano Concertos. Míceál O’Rourke, Klavier. London Mozart Players. Leitung Matthias Bamert. (Chandos Classics CHAN 10468(4) X; 250’)

Siehe auch:
Musik für Tasteninstrumente (Leimer spielt Chopin)

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