09.10.2009 — Der amerikanische Dirigent Robert Sadin ist einer jener musikalischen Geister, die mit unermüdlicher Schaffenskraft und ohne sich auf ein bestimmtes Genre zu beschränken, immer wieder äusserst anregende Projekte auf die Rolle bringen. Er hat ebenso mit namhaften klassischen Klangkörpern, unter anderm den Wiener Symphonikern und den Orchestern von Boston, Cleveland oder Philadelphia gearbeitet und Werke von Bach, Mascagni und Gounod für Plácido Domingo bearbeitet, wie das Lincoln Center Jazz Orchestra geleitet und mit Jazz-Grössen wie Wynton Marsalis, Wayne Shorter oder Herbie Hancock Ungewöhnliches ausgeheckt. Das Album «Gershwin’s World», das er mit Hancock realisiert hat, ist unter anderem mit drei Grammys ausgezeichnet worden.
Für «Art of Love», eine moderne Adaption von Stücken des mittelalterlichen französischen Tonschöpfers Guillaume de Machaut (ca. 1300-1377) hat Sadin mit untrüglichem Gespür die richtigen Interpreten aus amerikanischem Jazz, frankophoner Chansonszene und Música Popular Brasileira zusammengebracht (nebenbei gesagt amtet da als Perkussionist Cyro Baptista, der in der Schweiz auch für die Sängerin Corin Curschellas gearbeitet hat, nämlich für das bei Migros Musiques Suisses erschiene Album «Valdun – Voices Of Rumantsch»). Da treffen Grössen wie Brad Mehldau, John Ellis und der Mineiro Milton Nascimento aufeinander.
Auslöser für das Album ist laut einem Interview im Booklet ein Ereignis, das bereits einige Zeit zurückliegt: Der tragische Selbstmord des britischen Multiinstrumentalisten und Mittelalter-Spezialisten David Munrow, respektive dessen 1973 erschienenes Album «The Art of Courtly Love», eine Reverenz an die Musik Machauts, Dufays und anderer medievaler Komponisten. Es inspirierte Sadin und Charles Curtis, der elf Jahre als erster Solocellist des NDR Sinfonieorchesters in Hamburg amtete und heute als Professor für zeitgenössische Musik an der University of California, San Diego, tätig ist, Konzepte für das vorliegende Album auszutüfteln.
Entstanden ist ein intimes und berührendes Album, das in ruhigem Fluss Patterns mit akustischer Gitarre und Perkussion, entspannt-melancholische Soli von Streichern, Elektropiano und Saxophonen mit lyrisch-verhaltenen Gesanglinien mischt. Dass Miltons wahrlich nicht mehr junge Stimme gleich in der ersten Nummer, die eminent ans Schweizer Guggisbergerlied erinnert, brüchig wird und abzureissen droht, wirkt dabei programmatisch und fügt sich stimmig ins Ganze.
Übrigens ist auch das Cover der CD nicht ganz ohne. Es stammt zwar laut Angaben im Booklet von einer Grafikerin namens Aleksandra Zelenina, erinnert aber stark an die Ästhetik des tschechischen Arte-Povera-Fotografen Miroslav Tichy, der mit selber gebastelten Fotoapparaten in einer Art Voyeurgeste Mädchen und Frauen auf der Strasse und in Freibädern abgelichtet hat. Seine moderne Form der Faszination für fremde und in ihrer Intimität für den Künstler unerreichbare Weiblichkeit spiegelt die höfische Minne Machauts auf überraschende und gültige Art. (wb)
Robert Sadin: Art of Love, Lieder von Guillaume de Machaut, unter Mitwirkung von Robert Sadin, Milton Nascimento, Natalie Merchant, Charles Curtis, Brad Mehldau, Hassan Hakmoun, Cyro Baptista, Jasmine Thomas und anderen, Deutsche Grammophon, Best.-Nr. 474 1952