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Romantische Kammermusik aus der Schweiz

04.12.2007 — Brahms, Schumann, Dvořák, Fauré, das dürften die Namen sein, die spontan fallen, wenn vom romantischen Klavierquartett die Rede ist. Für die etwas grössere (und populärere) Besetzung des Klavierquintetts sieht die Liste ganz ähnlich aus. Den französischen Beitrag zur Gattung hat allerdings anstelle von Fauré Kollega Franck geleistet, und aus deutlich früheren Jahrzehnten stammt das Werk, das an Popularität alle andern überragt − Schuberts «Forellenquintett». Aber auch in der Schweiz fanden die Kleinbesetzungen im ausgehenden 19. Jahrhundert hohe Beachtung: Kammermusik als Übung in expressiver Präzision, Selbstbescheidung und ausgeglichener Form scheint in beinahe idealer Art die Werte zu widerspiegeln, welche dem Selbstverständnis deutschschweizer Bürgerlichkeit entsprachen. So erstaunt es denn nicht, dass in der Spätromantik gerade diese Formen der absoluten Musik zu einer Blüte gefunden haben. In der Reihe Musiques Suisses des Migros Kulturprozentes sind seit kurzem einige Zeugnisse aus der Zeit greifbar, die weit über das rein historische Interesse hinausgehen. Sie stellen eine echte Bereicherung für das Repertoire dar. Dokumentiert wird dies auf den Einspielungen für die Reihe in herausragenden Interpretationen.

Die eine CD ist dem Schaffen Hans Hubers (1852-1921) gewidmet, der unter seinen Zeitgenossen hohes Ansehen genoss. Welche Bedeutung der Basler Musikpädagoge im Schweizer Musikleben hatte, zeigt unter anderem die Tatsache, dass im Jahr 1900 zur Gründung des Schweizerischen Tonkünstlerverbandes Hubers zweite Sinfonie erklang, dirigiert von Friedrich Hegar. Der Tonschöpfer, der die Schulzeit in Solothurn absolviert, sein Handwerk in Leipzig bei Carl Reinecke und anderen vervollkommnet und mit Wagner, Clara Schumann, Brahms, Reger und Richard Strauss verkehrt, hinterlässt ein kammermusikalisches Oeuvre, das weit über das Mittelmass hinausragt. Das Aura-Quartett, bestehend aus Mitgliedern des Sinfonieorchesters Basel, und der Pianist Hans Joerg Fink haben im April 2006 und im Januar 2007 im Radiostudio Zürich Hubers Quintett Nr. 1 und g-Moll op. 111 und dessen Quartett op. 117 eingespielt − zwei Werke, die einen expressiven Bogen zwischen kernig-elementarer Ausdruckskraft und lyrischen Zwischentönen spannen.

Auf vergleichbarem Niveau bewegen sich die Klavierquartette Paul Juons (1872-1940), der − obzwar schweizerischer Herkunft − in Russland aufwächst. Seine Studien absolviert er in Moskau und Berlin. Erst die letzten vier Jahre seines Lebens verbringt er in der Schweiz, in Vevey − allerdings nicht, ohne ein Dutzend Jahre zuvor seinem Heimatort Masein in Graubünden einen Besuch abzustatten und sich seines dortigen Bürgerrechtes zu vergewissern. Musiques Suisses hat bereits eine ganze Reihe von Kammermusikwerken Juons dokumentiert: So sind etwa die Arabesken op. 73, das Bläserquintett op. 84 und das Divertimento op. 51 vom Cosmoquintet eingespielt worden (MGB CD 6152), verschiedene Klavierwerke hat Tomás Kramreiter aufgenommen (MGB CD 6196), die Streichquartette sind vom Niziol Quartett auf Doppel-CD gebannt worden (MGB CD 6242) und das Schweizer Klaviertrio hat sich der Litaniae-Tondichtung op. 70 angenommen (MGB CD 6215).

Im Mai 2006 hat, ebenfalls im Radiostudio Zürich, das Philharmonische Klavierquartett Berlin Juons Rhapsodie op. 37 und sein Klavierquartett op. 50 eingespielt. Beide Werke erweitern die traditionelle Dur-Moll-Tonalität auf durchaus eigenständige Weise in Richtung volksmusikalischer Modi, und auch in Sachen Rhythmik versteht es Juon, die ihm aus der osteuropäischen Tradition vertrauten ungeraden Metren zu nutzen.

Ein Werk Juons, die Cellosonate a-Moll op. 54, haben das Duo Pi-Chin Chien (Cello) und Adrian Oetiker (Klavier) für Musiques Suisses auf CD gebannt. Auch sie ist von der russischen Lebenswelt des Komponisten geprägt − mit Anklängen an Kirchentonarten und viel volltönender, klangseliger und virtuoser Expressivität. Auf der CD des Duos findet sich überdies die kundig erstellte Bearbeitung von sechs Liedern Othmar Schoecks für Cello und Klavier aus der Feder des jungen Schweizer Komponisten Fabian Müller sowie eine Sonate und eine Suite Müllers für die Zweierbesetzung. (cf)

Hans Huber: Klavierquintett Nr. 1g-Moll, op.111, Klavierquartett Nr. 2 E-Dur «Waldlieder» , op. 117, Aura Quartett, Musiques Suisses, MGB CD 6257
Paul Juon: Klavierquartette, Philharmonisches Klavierquartett Berlin, Musiques Suisses, MGB CD 6244
Juon − Schoeck − Müller: Werke für Violoncello und Klavier, Pi-Chin Chien (Violoncello), Adrian Oetiker (Klavier), Musiques Suisses, MGB CD 6256
Bezugsnachweis: www.musiques-suisses.ch

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