15.07.2009 — Wagners Musik geht seit jeher praktisch Hand in Hand mit ihrer Veräppelung. Zu verdanken hat sie das zum einen sicherlich ihrem Pathos; nichts ist einfacher zu parodieren als ebensolches, meist genügt eine leichte Übertreibung oder eine Zwergenfassung zu Grandiosität neigender Klänge, und schon hat man die Lacher auf seiner Seite. Zum andern flüchtet sich mit Vorliebe in die Satire, wem die schwüle Sinnlichkeit des Turboromantikers allzu sehr aufs Gemüt schlägt (oder auch nur auf den Keks geht).
An den Salzburger Festspielen 2007 haben Mitglieder der Berliner Philharmoniker in der 1994 von Claudio Abbado begründeten Kammermusikreihe Kontrapunkte einen ganzen Strauss solcher Parodien zum Besten gegeben. Das «Siegfried-Idyll» als Bonsai-Version für Kammerorchester ist da noch vergleichsweise harmlos. Bitterböse sind Verulkungen, in denen neben dem üblichen Wagner-Bashing noch nationalistische Untertöne mitschwingen. Claude Debussy hat eine verhältnismässig zahme Variante in Golliwog’s Cakewalk aus dem Children’s Corner präsentiert (nicht auf dieser CD). Die «Souvenirs de Munich» Emmanuel Chabriers in der wunderbar hinterhältigen Instrumentierung Dave Matthews bilden demgegenüber eine bissige Quadrille, die einem Jahrmarkts-Orchestrion auf den Leib geschrieben scheint: «Tristan und Isolde» als röhrend-mechanisches Tschinderassa.
Subtiler, aber nicht minder schräg: ein Wagner-Csárdás für Violine und vier Fagotte (!) von Vittorio Monti, respektive Arthur Kullnig. Übertroffen wird Kullnigs Einrichtung von der Ouvertüre zum «Fliegenden Holländer», arrangiert von Paul Hindemith für ein Streichquartett, das klingen soll wie «eine schlechte Kurkapelle morgens um 7 am Brunnen», die vom Blatt spielt. Genauso besoffen und nach durchzechter Nacht unzurechnungsfähig klingt das Machwerk denn auch.
Das Wesendonck-Lied «Träume» hat’s gleich zweimal auf die CD geschafft, einmal in einer recht schrägen Version eines Arthur Frackenpohl für Trompete, Bläser und Harfe, eine Kombination, die verblüffend gut klingen würde, wenn’s nicht um Liebesdusel ginge. Die zweite Bearbeitung – für Violine und kleines Orchester – stammt von Wagner selber und tönt entsprechend ernsthaft.
Die CD schliesst (nicht unbedingt zwingend) mit zwei Werken, die als ästhetische Negation des Wagnerschen Pathos begriffen werden können, Ernst Kreneks Serenade für Streichtrio und Klarinette op. 4 sowie Anton Weberns erst 1966 posthum publizierter Satz für Streichtrio, mit seinen 24 pointillistischen Takten im 4/16-Metrum wohl ein ultimativer Kontrapunkt zu Wagners mehrstündigen Bühnenwerken.
Die CD dokumentiert die Aufführungen in Salzburg inklusive Nebengeräuschen aus dem Publikum, Gelächter und Applaus und hat so eher Gelegenheitscharakter, die hochkarätigen Interpretationen der Berliner Gäste an der Salzach weisen aber über das lokale Ereignis hinaus. Wie sich der durchaus unterhaltsame Text des Schriftstellers Maximilian Dorner – autobiografische Erinnerungen an Erlebnisse mit Wagners Musik – im Booklet ins Gesamtkonzept fügt, bleibt noch zu entdecken. Man hätte sich darüber hinaus mehr Hintergrundinformationen zu den einzelnen Bearbeitungen gewünscht. (wb)
Kontra Wagner – «…unter das Eis der Wirklichkeit» («Träume» für Violine und Orchester; Siegfried-Idyll, Monti/Kullnig: Wagner-Csardas für Violine und 4 Fagotte, Chabrier: «Souvenirs de Munich» (orchestriert von David Matthews), Hindemith: «Der Fliegende Holländer» für Streichquartett, Wagner/Franckenpohl: «Träume» für Trompete, Blechbläser, Harfe, Krenek: Serenade op. 4 für Klarinette und Streichtrio, Webern: Satz für Streichtrio op. Posth.); Mitglieder und Gäste der Berliner Philharmoniker, col legno, 1 CD, WWE 1CD 60018.