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Telemanns Ouvertüren

05.07.2007 — Das Etikett Vielschreiber – zuweilen verstärkt durch Adjektive wie hausbacken, philiströs, seicht, überheblich, gewissenlos – vergaben Zeitgenossen und Nachfolgende vorab des 19. Jahrhunderts mit schöner Regelmässigkeit an (Mode-)Komponisten und Schriftsteller. Gegen die «Talentlosen», die «Dutzendtalente» und die «talentvollen Vielschreiber» zog auch Robert Schumann mit seiner «Neuen Zeitschrift für Musik» ins Feld.

In einigen Fällen wurde später das Urteil revidiert. Einst als Vielschreiber Gescholtene, deren Schaffen nicht vom Staub der Geschichte bedeckt wurde, waren etwa Johann Christoph Friedrich Bach, Karl Ditters von Dittersdorf, Leopold Anton Kozeluch, Franz Vinzenz Krommer und Georg Philipp Telemann (1681–1767), zweifellos der Bedeutendste unter ihnen und zu Lebzeiten der Starkomponist in Deutschland – trotz Johann Sebastian Bach.

Telemanns immenses Œuvre, erst in Teilen aufgearbeitet, umfasst alle Gattungen, eine Fülle unterschiedlichster Besetzungen, brilliert im «vermischten Geschmack» (deutsch, italienisch, französisch, dazu Elemente der polnischen Musik) und öffnet sich vom Barock zum galanten, empfindsamen Stil.

Allseitig gebildet und mehrsprachig, war Telemann alles andere als ein verzopfter Kantor, Kapellmeister und Director Musices, im Gegenteil. In seinem künstlerischen Selbstverständnis der Zeit voraus, stellte er sich gegen das Musik-Monopol von Klerus und Adel, gründete Musikkollegien, gab öffentliche Konzerte und förderte das Laienmusizieren mit Druckausgaben seiner Werke.

Zur kaum überschaubaren Zahl von Telemanns Instrumentalkompositionen (ein Korpus, der vor einem Jahrhundert als erster wieder entdeckt worden ist und die Renaissance seines Schaffens eingeleitet hat) gehören die 135 erhaltenen Orchestersuiten. Sie werden eröffnet mit einer dreiteiligen französischen Ouvertüre, gefolgt von kürzeren Stücken, darunter Tanzsätzen aller damals populären Arten aus ganz Europa. Auch theatralische Auftritte fehlen nicht: Porträts von Nationen, mythologischen Figuren, von Menschen, Tieren und Landschaften.

Erfindungs- und abwechslungsreich ist ebenso die Besetzung: Suiten für Streicher (auch mit Solovioline) und Basso continuo und für Bläser und Streicher, darunter für zwei Trompeten (samt Pauken), für eine oder zwei Oboen mit Blockflöten und – in der «Alster Ouvertüre» (TWV 55: F11) – gar für vier Hörner, zwei Oboen, Fagott und Streicher. Gravitätische Erhabenheit, tänzerische Eleganz, lyrische Kantabilität, Schalk und Humor machen das Zuhören zum ungetrübten Vergnügen.

Dies nicht zuletzt dank der musikantisch agilen, akkuraten und klangvariablen Präsentation von einem runden Dutzend Suiten durch das auf modernen Instrumenten spielende Collegium Instrumentale Brugense, die Solistinnen und Solisten und den Leiter Patrick Peire.

Das vorliegende Album eröffnet die Serie mit den Einspielungen sämtlicher Ouvertüren Telemanns. Auf die Fortsetzung dieses rühmlichen Unterfangens durch die Interpretenschar aus Belgien darf man sich freuen. Vielleicht auch auf ein umfangreicheres, einlässlicher orientierendes Booklet. (ws)

Telemann: Complete Ouvertures Vol. 1. Collegium Instrumentale Brugense. Leitung: Patrick Peire. (Brilliant Classics 93041; 3 CDs. 213’)

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