01.09.2010 — Der Flamenco hat den Ruf einer ursprünglich hermetischen Kunst, einer Art Geheimritual der andalusischen Halbwelten. Zwar hat er Formen aus seiner musikalischen Umgebung aufgesogen. Anders als ähnliche schwerblütige Volkskunstformen wie der Klezmer der jüdischen Musiker oder der argentinische Tango hat er sich aber kaum in kosmopolitischer Art mit Fremdem verbunden. Vieles von dem, was spanisches Lokalkolorit in bürgerlichen Orchesterwerken ausmacht, entstammt denn auch nicht eigentlich dem Flamenco, sondern der allgemeinen spanischen Folklore. Die ungeraden, auf arabische Einflüsse zurückgehenden Zwölfer-Rhythmen des Flamenco und der hoch expressive Gesang bieten wenig Andockstellen für die europäische Orchestermusik.
Die instrumentale Seele des Flamenco ist unzweifelhaft die Gitarre. Die wohl populärste iberische Suite für das Zupfinstrument und Orchester ist die «Fantasía para un gentilhombre» von Joaquin Rodrigo, dem Komponisten des noch ungleich populäreren «Concierto de Aranjuez». Die «Fantasía » verarbeitet allerdings traditionelle Tänze aus der Renaissance. Mit der «Sonanta Suite» unternimmt der Gitarrist Tomatito (José Fernández Torres), der letzte Begleiter des singulären, 1992 verstorbenen Sängers Camaron de la Isla (siehe Codex-flores-Feature), den Versuch, tatsächlich auch den authentischen Flamenco in Orchesterklang zu transformieren.
Er hat dazu einige seiner früheren Nummern zusammengestellt und in Zusammenarbeit mit dem Arrangeur Joan Albert Amargós daraus eine Partitur erstellt. Abgeschlossen wird sie mit einer Reverenz an den Schöpfer des Tango nuevo Astor Piazzolla, respektive dessen mit Abstand am meisten gecoverten Paradenummer «Adios Nonino».
Als erstes fällt in der Wiedergabe der «Sonanta Suite» durch das Orquesta Nacional de España unter der Leitung von Josep Pons die Integration unverwechselbarer Flamenco-Elemente in den traditionellen Orchesterklang auf: Palmeros suggerieren mit ihren vibrierend-energetischen Händeklatsch-Rhythmen Authentizität; der Gesang von Tomatitos Tochter Mari Ángeles Fernández Torres leistet mit seinem unverwechselbaren metallisch-schimmernden Flamenco-Timbre dasselbe.
Im Booklet gibt sich Pons überzeugt, dass die CD spanische Musikgeschichte schreiben werde, weil das Orchester hier erstmals selber zum Flamenco-Ensemble werde und nicht einfach begleitende Funktion einnehme. Der Orchestersatz stehe in der Musiktradition des frühen 20. Jahrhunderts, die von de Falla und Ravel geprägt worden sei, erweitert um neue rhythmische und harmonische Einfälle.
Pons Einschätzung scheint etwas übertrieben. An die Subtilitäten der Orchestrierung eines Ravel oder de Falla reicht die «Sonanta Suite» nicht heran, dazu ist ihr Sound zu grossflächig und mit zu vielen Konzessionen an den an Filmmusik und Stadionkonzerte gewöhnten Massengeschmack angelehnt. Intelligent gemacht ist sie aber, und Tomatitos virtuoses und hoch expressives Gitarrenspiel rückt sie ins beste Licht.
Mindestens genauso interessant sind einige als «Bonus Tracks» an die Suite angehängte Nummern, die Tomatito 2006 mit einem Sextett in Aguadulce (Almeria) eingespielt hat, darunter traditionelle Formen wie Bulerías und Tangos: Moderner und zugleich in der Tradition tief verwurzelter Flamenco vom Feinsten.
siehe auch:
Elīna Garanča in spanischem Kolorit (wb)