30.04.2012 — Ihre Titel – A Sea Symphony, A London Symphony, A Pastoral Symphony, Sinfonia antartica – lassen es erkennen: Ralph Vaughan Williams (1872–1958) inspirierte sich durch aussermusikalische Vorstellungen, Bilder, Ereignisse, persönliche Erfahrungen. Den weiteren seiner insgesamt neun grossen sinfonischen Werke hat der Brite keine Bezeichnungen beigegeben (was die Vermutung nicht ausschliesst, dass er jeweils ein bestimmtes Programm im Kopf hatte), doch sind sie alle von stimmungsdichter plastischer Faktur, von farbenreichem Gestus und epischer Intensität erfüllt. Diese Qualitäten, dazu die Verankerung seiner Musik im behutsam erweiterten spätromantischen tonalen System haben Vaughan Williams zu anhaltender Popularität in seiner Heimat verholfen: Seine 6. Sinfonie erfuhr innerhalb von zwei Jahren hundert Aufführungen. In den Konzertsälen des Kontinents dagegen ist er ein seltener Gast; hin und wieder erklingt die effektvolle «Fantasia on a Theme by Thomas Tallis» für Streichorchester.
Dem Poeten unter den britischen Sinfonikern, der auch Opern, Ballette, Klavier-, Kammer- und Chormusik, Liederzyklen und Filmmusiken schuf, widmet EMI Classics in der Serie «British Composers» eine Box mit den neun Sinfonien. Die nun digital aufbereiteten Einspielungen der zwischen 1909 und 1958 entstandenen Werke leitete Adrian Boult, der die Sinfonien 4 und 6 zur Uraufführung gebracht hatte und mit Sargent und Barbirolli als kenntnisreichster Anwalt von Vaughan Williams’ Œuvre gilt. Mit dem London Philharmonic Orchestra und dessen Chor, dem New Philharmonia Orchestra und renommierten Vokalsolisten realisierte Boult in den Jahren 1967 bis 1969 sowie 1971 exemplarische Deutungen in seiner zweiten Gesamteinspielung.
Vaughan Williams, der in London bei den Komponisten Hubert Parry und Charles Villiers Stanford studiert und als Organist und Sammler von britischen Volksliedern gewirkt hatte, mit Gustav Holst befreundet war, die englische Musik der Renaissance hoch schätzte und weiteren Unterricht bei Max Bruch in Berlin und Maurice Ravel in Paris genoss, verarbeitete vielerlei Anregungen in seinem Schaffen. Er trug pastos bis bombastisch auf, liebte die Opulenz von Blech und Schlagzeug, voluminöse Streicherchöre, das nervig Abrupte, andrerseits auch das Feinziselierte, das kunstvoll Reduzierte – er goss Altes gekonnt in neue Schläuche, so beispielsweise in der Sinfonia antartica, in der er das Material seiner Musik für den Film «Scott of the Antarctic» verarbeitete.
Vaughan Williams erweist sich als ernster und eigenwilliger Meister der stilistischen Vielfalt, der formalen Gestaltung vom thematischen Kerngedanken bis zum satz-, zum werkübergreifenden Aufbau, als Meister auch der Instrumentationskunst, deren Finessen immer aufs Neue überraschen. Ebenfalls typisch: Die meisten Finalsätze enden nicht im Auftrumpfen, sie verdämmern im Pianissimo.
Grundthemen seines Schaffens, die sich auch in den Sinfonien widerspiegeln und dank Titeln und vertonten Texten erschliessen (die Sea Symphony ist eine monumentale Kantate auf Worte von Walt Whitman), sind die Beziehung des Menschen zur Natur (1., 3. und 7. Sinfonie) und des Menschen Gefährdung durch Krieg (3. und 6. Sinfonie) und durch soziale Umwälzungen (2. Sinfonie). – Ralph Vaughan Williams, ein unverwechselbarer, der Tradition und humanistischen Idealen verpflichteter Sinfoniker des 20. Jahrhunderts.
Bescheidener Aufwand für das Booklet: 2 der 20 Seiten werben überflüssigerweise für die Einzel-CDs der vorliegenden Serie, dafür haben weder der in der Sea Symphony vertonte Text noch eine Foto des Komponisten Aufnahme gefunden. (ws)
Ralph Vaughan Williams: The Nine Symphonies. Sheila Armstrong, Norma Burrowes, Dame Margaret Price (Sopran), John Carol Case (Bariton). London Philharmonic Orchestra & Choir. New Philharmonia Orchestra. Leitung: Sir Adrian Boult. (EMI Classics 50999 0 87484 2 3; 5 CDs ADD)