23.11.2009 — Als «eine Sache zwischen Gott und mir» gewichtete Frank Martin (1890–1974) seine «Messe pour double chœur a cappella». Dementsprechend lang hielt er das Werk, das er in den Zwanzigerjahren komponiert hatte, unter Verschluss; erst 1963 kam die Messe in Hamburg zur Uraufführung. (Im gleichen Jahr erfolgte in Wien die Uraufführung einer anderen bedeutenden A-cappella-Messe, des Opus ultimum von Paul Hindemith.)
Der Autodidakt Francis Poulenc (1899–1963), Mitglied des «Groupe des Six», begann unter dem Eindruck eines Wallfahrts-Erlebnisses im südfranzösischen Rocamadour, wo eine Schwarze Madonna Pilgerscharen anzieht, mit der Komposition einer Reihe religiöser Werke. Als erstes stellte er 1936 die «Litanies à la Vierge Noire» für dreistimmigen Kinder- bzw. Frauenchor fertig, ein Jahr darauf eine A-cappella-Messe für gemischten Chor. Poulencs «Les Dialogues des Carmélites» (1957) ist die bedeutendste französische Sakraloper vor Messiaens «Saint-François d’Assise».
Beschränkung in den Mitteln hat sich anfänglich auch Zoltan Kodály (1882–1967) auferlegt: Seine «Missa brevis» verfasste er 1942 als stille Messe für Harmonium oder Orgel solo. Dann arbeitete er sie für Solisten, Chor und Orgel aus. In dieser Version erklang das Werk erstmals im Februar 1945 in Budapest. Fünf Jahre später stellte Kodály eine opulente Messe-Fassung mit grossem Orchester her, gewidmet seiner Frau zum 35. Hochzeitstag.
Die Interpretation durch die Solisten, den Organisten Max Hanft (an der Wöhl-Orgel der Herz-Jesu-Kirche in München-Neuhausen) und den seit 1946 bestehenden Chor des Bayerischen Rundfunks unter der Leitung von Peter Dijkstra sichert den sakralen Werken des Schweizers, des Franzosen und des Ungaren, so unterschiedlicher stilistischer und expressiver Tonsprachen sie sich bedienen, ausgefeilte, atmosphärisch stimmige und in der Variierung der Klangfarbe wie der feingestuften Dynamik berührende Wirkung.
Hätten die Editoren dem Booklet die gleiche Sorgfalt gewidmet wie den Einspielungen, wären sie auf die Idee gekommen, eine der beiden PR-Seiten dem Text der «Litanies» zu opfern.
Albert Becker: Chorwerke
Sein Name erscheint in allen respektablen Musiklexika: Zu finden ist Albert Becker (1834–1899) allerdings in der Regel nicht als eigener Eintrag, sondern unter Jean Sibelius, der 1889/1890 als Mittzwanziger in Berlin bei Becker Komposition studiert hatte. Des Schülers Stern stieg, jener des renommierten Professors und Komponisten (Becker hat Lieder vorgelegt, Kantaten, eine Sinfonie, die Oper «Loreley», eine von Liszt gerühmte Messe, Kammermusik, Orgelwerke und eine Fülle an A-cappella-Chorwerken) verlor nach dessen Tod an Ausstrahlung.
Der Kammerchor Consono, 1995 von seinem Leiter Harald Jers gegründet, unternimmt das Wagnis einer Ehrenrettung des Vergessenen mit geistlichen Gesängen und Motetten a cappella. Die in der Vokalpolyphonie des Barocks und der Klassik wurzelnden, kontrapunktische Techniken und Mendelssohns harmonische Finessen aufgreifenden, die Textaussage fantasiereich inszenierenden Kompositionen vermitteln ein plastisches Bild von Beckers traditionsorientiertem Können.
Zweifellos ist Harald Jers und seinem Kammerchor Consono die Fürsprache mit vierstimmigen und doppelchörigen Werken (darunter sieben als Ersteinspielungen) ohne Einschränkung gelungen: In den Liturgischen Gesängen für das Kirchenjahr op. 46, den Drei Choralmotetten op. 67 und den Psalmmotetten op. 83 und 89 sowie drei weiteren Sätzen stellen die Interpreten ihre ausgefeilte Gesangskultur und auf emotionale Differenzierung bedachte Gestaltungskraft unter Beweis.
Adrian Willaert: «Musica Nova»
Er war massgebend und wirkte stilbildend: der Flame Adrian Willaert (um 1490–1562), der in Paris studierte, in Diensten des frankophilen Hauses d’Este in Ferrara, dann des Erzbischofs von Mailand stand und von 1527 bis zu seinem Tod als Maestro di cappella an San Marco in Venedig wirkte. Der «divino Adriano» galt im Italien der Renaissance als Begründer der venezianischen Schule, als der führende Musiker und Lehrer zwischen Josquin und Lasso.
Zu einer Kunst von europäischem Rang wurde die venezianische Musik durch den Belgier, der die grosse Tradition der Niederländer mit italienischen und regionalen Einflüssen verschmolz. Zu den Gattungen, die er geprägt, «modernisiert» hat, gehört in erster Linie das Madrigal.
1559 erschien der Band «Musica Nova», einer der herausragenden Musikdrucke des 16. Jahrhunderts. Versammelt sind darin 27 vier- bis siebenstimmige Motetten und 25 vier- bis siebenstimmige Madrigale. Die bisher undenkbare gemeinsame Publikation von lateinischen Motetten und italienischen Madrigalen in ein und derselben Publikation zeugt für den gleich hohen kompositorischen Anspruch Willaerts in beiden Bereichen, dem geistlichen wie dem weltlichen.
Das Vokalensemble Singer Pur, 1991 von fünf ehemaligen Regensburger Domspatzen gegründet und mit einer Sopranistin zum Sextett erweitert (und in dieser Aufnahme fallweise mit einem Countertenor als siebte Stimme) widmet sich – akkurat 450 Jahre nach der Drucklegung der «Musica Nova» – den Madrigalen, 24 auf Sonette von Petrarca, eines stammt von Panfilo Sasso.
Die breite Palette der in komplexem polyphonem Stimmengeflecht ausgedrückten, eng an die Textaussage geschmiegten Empfindungen – Begehren, Erfüllung, Liebe, Verzicht, Abschied, Trauer, Verehrung der Jungfrau Maria und der Liebesgöttin Venus – kommt in den weiträumigen Interpretationen der Sonette in Willaerts genialer Vertonung durch das Ensemble Singer Pur zu ergreifender Wirkung.
Dem 2-CD-Album in Schuber ist ein gründlich informierendes 76-seitiges illustriertes Booklet (dt., engl.) beigegeben, das auch alle vertonten Texte samt Übersetzungen enthält. (ws)
Martin: Messe für Doppelchor. – Kodály: Missa brevis.– Poulenc: Litanies à la Vierge Noire. – Masako Goda, Barbara Fleckenstein, Michaela Knab, Sopran; Sigrid Horvath, Alt; Andrew Lepri Meyer, Tenor; Werner Rollenmüller, Bass. Max Hanft, Orgel. Chor des Bayerischen Rundfunks. Leitung: Peter Dijkstra. (BR Klassik 403571900500; 67’)
Albert Becker: Bleibe, Abend will es werden. Romantische Chormusik. Kammerchor Consono. Leitung: Harald Jers. (Carus 83.438; 73’)
Adrian Willaert: Musica Nova. The Petrarca Madrigals. Singer Pur. (BR Oehms Classics OC 814/2 CDs; 122’)