07.03.2012 — Der einzige klingende, will heissen in Text und Musik gesetzte Sarg ist jener des Heinrich II. Posthumus Reuß. Der Herr zu Gera, Lobenstein, Ober-Kranichfeld etc. etc., geboren 1572, war ein aufgeklärter Fürst, der in seinem Land Wirtschaft und Schulwesen förderte, calvinistischen Glaubensflüchtlingen aus Flandern Niederlassungsrecht gewährte und seine Residenzstadt Gera zu einem kulturellen Zentrum Thüringens machte.
Er kümmerte sich auch um seine eigenen opulenten Begräbnisfeierlichkeiten und sein Nachleben: Heinrich Reuß entwarf einen minutiösen «Leichprocess», und etwa ein Jahr vor seinem Hinschied 1636 stellte er Bibelsprüche und Choralverse zusammen und liess sie auf seinem reichverzierten kupfernen Übersarg anbringen.
Heinrich Schütz, der Heinrich Posthumus Reuß wiederholt begegnet war, vertonte die Sarg-Texte; unter dem Titel «Musikalische Exequien» lag das dreiteilige, sechs- bis achtstimmig gesetzte grosse Vokalwerk bereits 1636 in Dresden gedruckt vor.
Die Trauermusik – den ersten Teil bezeichnete Schütz als «Concert in Form einer Teutschen Begräbnis-Missa» – erklingt als Schwerpunkt in Vol. 3 der Schütz-Werke-Gesamteinspielung, die im Carus-Verlag erscheint. Vokalsolisten, der Dresdner Kammerchor und Instrumentalisten unter der Leitung von Hans-Christoph Rademann erweisen sich als intellektuell wie emotional engagierte Interpreten, unübertrefflich in Inspiration, Klangschönheit und Ausgewogenheit, auf das Gleichgewicht von Wort und Musik, von Textklarheit und melodisch-harmonischer Ausdrucksdifferenzierung bedacht.
Unter den weiteren sechs, zum Teil solistisch vorgetragenen Trauergesängen finden sich vier Ersteinspielungen: «Grimmige Gruft», «Gutes und Barmherzigkeit», «Ich hab mein Sach Gott heimgestellt» und «O meine Seel, warum bist du betrübet».
Schütz: Zwölf geistliche Gesänge
Von den Amtsverpflichtungen befreit, wandte sich der alte Meister – er starb 1672 mit 87 Jahren – früheren Kompositionen zu in der Absicht, «in meiner Jugendt angefangene Musicalische Wercke colligieren, Completieren, undt zu meinem andencken auch in den Druck» zu geben. 72 war er, als die Sammlung der Zwölf geistlichen Gesänge publiziert wurde «zu Gottes Ehren und Christlichen nützlichen Gebrauch in Kirchen und Schulen». Rückblick und Sicherung des Erbes für die Zukunft: In Form einer deutschen Messe und einer deutschen Vesper angelegt, verbinden sich in diesen Motetten pädagogischer Anspruch, Klarheit und kunstvolle Polyphonie – der Kontrapunkt als Basis aller neuen Musik.
Mit der Einspielung dieses weniger beachteten Werkzyklus setzen der Dresdner Kammerchor und Hans-Christoph Rademann ihre Schütz-Gesamtaufnahme auf höchstem Niveau, historisch informiert und fern jeder distanzierenden Steifheit fort. Die gedruckte Vorlage bildet die ebenfalls im Carus-Verlag erscheinende Stuttgarter Schütz-Ausgabe. Die CD-Gesamtausgabe – erschienen sind als erstes die Geistliche Chor-Music (1648) und die Italienischen Madrigale (1611) – soll 2017 abgeschlossen vorliegen.
Schein: Fontana d’Israel
1585, 1586, 1587 – die Geburtsjahre der drei tonangebenden Grossen ihrer Epoche: Heinrich Schütz, Johann Hermann Schein und Samuel Scheidt. Sie kannten und schätzten einander, und dominant in ihrem Schaffen ist die protestantische geistliche Vokalmusik – das Lob Gottes als Hort und Stütze in Zeiten des verheerenden Dreissigjährigen Kriegs.
Während Scheidt (er starb 1654) bei Sweelinck studiert hatte, richteten Schütz und Schein ihren Fokus auf Italien, auf die Kompositions- und Ausdruckstechniken der Moderne. Schütz konnte dank eines Stipendiums bei Govanni Gabrieli in Venedig studieren; Schein (von 1616 bis zu seinem Tod 1630 wirkte er als Thomaskantor in Leipzig) machte sich als einer der ersten in Deutschland mit der italienischen Musik nur durch das Studium von Drucken bekannt. Zu Unrecht stand er lange im Schatten seines Freundes Schütz.
Die neuen Errungenschaften des «stile nuovo» mit ihrer Erweiterung der harmonischen Möglichkeiten der Textauslegung samt tonmalerischen Elementen verstand Schein zu verschmelzen mit dem deutsch-niederländischen Erbe. Sein wohl bedeutendstes Opus legte er 1623 vor: «Fontana d’Israel. Israelis Brünnlein. Auserlesene Krafft-Sprüchlin altes und newen Testaments auf Italian-Madrigalische Manier componiret». Die Sammlung, in der Schein den madrigalischen und den motettischen Stil zu effektvoller Synthese fügt, umfasst 26 fünf- bis sechsstimmige Chorsätze neueren und älteren Datums. Die Texte entnahm Schein u. a. den Psalmen, den Sprüchen Salomons, der Offenbarung.
Unter der Leitung von Hermann Max bringen fünf Solisten, sechs Continuospieler und die Rheinische Kantorei die Werke dank breiter Palette an Stimmungen und rhythmischen wie agogischen Finessen zu textdeutlicher, klangsinnlicher, bis ins Detail durchgeformter und belebter Wirkung. (ws)
Heinrich Schütz: Musikalische Exequien. Gesamteinspielung Vol. 3. – Musikalische Exequien SWV 279–281; Trauergesänge SWV 52, 54, 95, 277, 419 und 464. – Dorothee Mields, Anja Zügner, Alexander Schneider, Jan Kobow, Tobias Mäthger, Harry van der Kamp, Matthias Lutze. Mattias Müller (Violone), Ludger Rémy (Organo). Dresdner Kammerchor. Leitung: Hans-Christoph Rademann. (Carus 83.238 SACD; 68’. Informatives illustriertes Booklet dt./engl.)
Heinrich Schütz: Zwölf geistliche Gesänge SWV 420–431. Gesamteinspielung Vol. 4. – Irene Klein (Viola da gamba), Sebastian Knebel (Organo). Dresdner Kammerchor. Leitung: Hans-Christoph Rademann. (Carus 83.239; 60’. Informatives illustriertes Booklet dt./engl.)
Johann Hermann Schein: Fontana d’Israel (1623). Gesamtaufnahme. – Martina Lins, Johanna Koslowsky, Maria Arentz, Bernhard Schneider, Raimund Nolte. – Christine Kyprianides (Viola da gamba), Hartwig Groth (Viola da gamba, Violone), Peter Sommer (Bassposaune), Michael McCraw (Dulzian), Konrad Junghänel (Chitarrone), Christoph Lehmann (Orgel, Cembalo). Rheinische Kantorei. Leitung: Hermann Max. (Capriccio C5069, 2 CDs; 88’. Booklet dt./engl.)