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Wiéner & Doucet: Les Années Folles

17.04.2013 — Der Verlobung von Jacques Rouchés Tochter ist die Gründung eines der berühmtesten Klavierduos zu verdanken. Rouché, während drei Jahrzehnten profilierter Direktor der Pariser Oper, ein einflussreicher Mäzen und Förderer aufstrebender Talente, lud den Pianisten und Komponisten Jean Wiéner ein, an der Soirée Stücke für zwei Klaviere vorzutragen. Wiéners Wahl fiel auf seinen Kollegen Clément Doucet, und die erste Probe Ende Oktober 1924 legte den Grundstein zu einer fulminanten Karriere.

Zwischen 1925 und 1939 gab das Klavierduo Wiéner & Doucet über 2000 Konzerte und hielt ihre unnachahmlich brillante Synthese von Chanson, Musical, Hot Dance, Jazz, Operette und Klassik auf einer Vielzahl von Vinylplatten fest. Fast alle diese Studio-Einspielungen (noch ohne Schnitte und Montagen), klanglich sorgfältig aufgefrischt, versammelt die vorliegende EMI-Box auf 4 CDs.

Kaum zu glauben, dass Jean Wiéner (1896–1982), Pariser mit österreichischen Wurzeln, sich das Klavierspiel weitgehend autodidaktisch aneignete und es zur Perfektion entwickelte. Jedenfalls spielte er vierhändig mit Gabriel Fauré, arbeitete mit Erik Satie zusammen, studierte mit Darius Milhaud am Conservatoire de Paris, pflegte Umgang mit der Groupe des Six. Den musikalischen Horizont weitete er dank dem Pianisten Yves Nat, der ihn ab 1912 mit Ragtime-Partituren aus den USA bekannt machte.

Bereits Anfang der Zwanzigerjahre begann Wiéner, Filmmusik zu komponieren, in sechs Jahrzehnten lagen über 300 dieser Partituren vor, darunter die Musik zu «Touchez pas au Grisbi» mit Jean Gabin (1954).

Der Belgier Clément Doucet (1895–1950) studierte in Brüssel bei Arthur De Greef, einem Schüler Liszts. In Paris arbeitete er beim Orgelbauer Cavaillé-Coll und begleitete auf dem Piano Stummfilme (während er Romane las, wie Augenzeugen beobachteten). Auf seinen USA-Reisen Anfang der Zwanzigerjahre lernte er den Jazz und Modetänze kennen. Dann folgte er Wiéner auf dem Posten als Hauspianist des Pariser Cabarets «Le Bœuf sur le Toit» und wirkte in der ersten Band von schwarzen Musikern in Paris mit.

Wiéner und Doucet assimilierten die neue Musik aus den Vereinigten Staaten mit der selben erstaunlichen Leichtigkeit, mit der sie auf zwei Pleyel-Flügeln duettierten. Die Präzision bis ins Detail, die Delikatesse ihres Anschlags, die klangliche Subtilität und Transparenz, die unverkrampfte Virtuosität, die harmonischen Finessen, der rhythmische Schwung und der sprühende Witz haben bis heute nichts von ihrer zwingenden Wirkung eingebüsst.

Als Klavierduo-Pioniere in Europa machten sie die aktuellen Hits aus der Neuen Welt populär, darunter vieles von Gershwin, einiges aus Südamerika, nahmen sich auch französischen Chansons und Mélodies an, mischten sie ab und zu mit Anklängen an die Klassik, alles mit Goût, Esprit, Swing und Noblesse aus lockeren Fingern geschüttelt. Von unvergleichlichem Reiz und Farbenreichtum ist ihr eleganter Anschlag, der vergessen macht, dass der Flügel mit Hämmern ausgestattet ist.

Clément Doucet erweist sich solo als Meister von Paraphrasen über Themen von Wagner, Grieg, Chopin und Liszt, Jean Wiéner erheitert auf dem Cembalo mit Handys «Saint Louis Blues» und Porters «Love for Sale» (1938). Und dem Duo ist eine exemplarisch luzide, kantable und emotional berührende Interpretation von Mozarts Sonate KV 448 zu verdanken (1937).

Wiéner und Doucet, solo und gemeinsam, begleiteten berühmte Chansonniers und Chansonnièren: Maurice Chevalier, Pizella, Jean und Germaine Sablon, Mireille und Yvonne Vallé. Da das Booklet keine ihrer Texte enthält, entgeht den des Französischen Unkundigen notgedrungen der literarische Reiz des Gesungenen.

1942 traten Wiéner & Doucet letztmals auf, dann trennten sich ihre Wege. Doucet kehrte ins Cabaret und in Thés-Dansants zurück, Wiéner an den Schreibtisch, komponierte unter anderem viel Musik für Film, Theater und TV, zwei Konzerte für Klavier und Orchester, drei Klaviersonaten und eine Sonate für Cello und Klavier, die mit Rostropowitsch 1968 zur Uraufführung kam.

Ein exquisites Erlebnis bieten diese vier CDs, die die Couleurs und auch die Patina der Années folles, der Jahre zwischen 1920 und 1929, facettenreich zu Glanz und Wirkung bringen. Vieles von der Atmosphäre jenes Jahrzehnts des Auf- und Ausbruchs klingt in diesen einzigartigen Dokumenten weiter. (ws)

Wiéner & Doucet: Les Années Folles. Klavierduo Jean Wiéner und Clément Doucet. – Gershwin, Kern, Cole Porter, Donaldson, Wiéner, Doucet, Bach, Mozart, Satie u.a. Mit Maurice Chevalier, Yvonne Vallée, Pizella, Jean Sablon, Mireille, Germaine Sablon. (EMI Classics 50999 725703 2 6; 4 CDs mono, Einspielungen zwischen 1925 und 1938. Illustriertes Booklet, nur frz. Text)

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