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Wieviel Zynismus verträgt Pro Helvetia?

Entgegnung zum Editorial vom 25.04.2008

Wolfgang Böhler bemüht sich in seinem Editorial vom 25.4.08 mit erstaunlicher Hartnäckigkeit, das in meinem Beitrag im Tagi (23.4.08) zu lesen, was dort nicht steht.

Zum Beispiel steht dort nicht, dass in den Förderkommissionen Willkür herrsche, oder dass Pro Helvetia aus Opportunismus den Mainstream fördere. Der Kern meiner Argumentation in «Beschäftigt und befangen» dreht sich darum, dass ein nach aktuellem Muster demokratisch verfasstes System wenig Möglichkeiten bietet, zu eindeutigen und – ganz im Böhlerschen Sinne – radikalen Positionen zu kommen. Da kann man noch so profilierte Persönlichkeiten in die Kommissionen stecken, es resultiert eine Kompromisspolitik nach Art der Giesskanne und eines wie immer gearteten Mainstreams. Oder dann eine Einseitigkeit, die erst recht den Vorwurf von Willkür verdiente.

Möglich, dass die Giesskanne Zeitgeist ist, aber nicht ästhetischer, sondern politischer: einer möglichst grossen Zahl Kulturschaffender das Gefühl der Zugehörigkeit zu geben. Also möglichst geringe Selektion. Das ist die innere Dynamik des Systems, sie gilt nicht nur für Pro Helvetia, wie mein Text Pro Helvetia nur als Beispiel anführt. Auch bei Pro Helvetia dreht niemand einfach den Daumen nach oben oder unten und entscheidet aus purer Laune; im Gegenteil, die Vermeidung von Willkür führt dazu, dass der Kuchen auf immer mehr verteilt werden muss und zuletzt für überhaupt niemanden mehr eine annehmbare materielle Grundlage schaffen kann.

Ebenso steht in meinem Text nicht, dass smarte Experten über Fördergelder entscheiden. Die smarten Experten sind jene, welche den Platz der Intellektuellen (die Debatte wurde angestossen durch die Frage, wo die Frischs und Dürrenmatts von heute bleiben?) in der öffentlichen Diskussion einnehmen. Und da sind die künstlerischen Intellektuellen unbestreitbar nicht mehr präsent, dafür allerhand Gesellschaftsforscher und Soziologen und Finanztechniker.

Wolfgang Böhler preist jene, die sich nicht von Förderern aushalten lassen und die deshalb auch nicht verstummen müssten. Schön gesagt, aber wohl zu romantisch. Ich jedenfalls kenne jene Künstler nicht, welche sich ausserhalb des Fördersystems bewegen und ihre Unabhängigkeit zu pointierten Stellungnahmen nutzen. Ich kenne nur jene ungezählten Zuschriften, in denen sie darlegen, wie schwer, fast unmöglich es geworden ist, die materielle Grundlage für die eigene Arbeit sicher zu stellen. Und ich weiss, wie viel Kritik an Pro Helvetia hinter vorgehaltener Hand geübt wird, ohne dass ein potentieller Gesuchsteller es wagt, sie deutlich zu äussern. Er könnte sich das Wohlwollen der Förderer verspielen…

Aber offenbar gibt es (neben den Finanzen) einen Punkt, in welchem Wolfgang Böhler von derselben Sorge umgetrieben wird wie ich: dem Mangel an öffentlicher Auseinandersetzung rund um die Kulturförderung. Statt die Kunst und die Künstler selbst in den Fokus der Auseinandersetzung zu rücken, verlegt Böhler sie dahin, wo die Kulturförderer ausgewählt werden. Deren Profil deckt sich ja erstaunlicherweise mit dem von mir gewünschten. Doch die Besetzung einer Kommission hat noch nie tagespolitische Wellen geschlagen, weil hier derselbe helvetische Meccano zum Tragen käme: die Zauberformel, wonach sich profilierte Menschen in Schach halten. Das ist genau das Wesen einer Kommission.

Wellen werfen hingegen die Wahlen von Intendanten für Kulturhäuser. Hier erwartet man Profil, eine erkennbare Vision. Wieso soll die Kulturförderung nicht auch mit solchen Modellen arbeiten: Kenner einer Szene, welche aufgrund einer Vision gewählt werden und dann für begrenzte Zeit ein Mandat erhalten, eben diese Szene zu fördern? Das dünkte mich transparent, kohärent, nachvollziehbar und realistisch.

Der Ruf nach mehr Kontrolle impliziert mehr bürokratischen Überbau, ob gewollt oder nicht. Mehr Auseinandersetzung resultiert daraus nicht. Und Kulturförderung zu einer Wissenschaft machen hiesse gerade, smarte Experten an die Stelle von Persönlichkeiten zu setzen!

 
  Pius Knüsel
Direktor von Pro Helvetia

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