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Wilhelm Friedemann Bach (1710–1784)

02.05.2011 — Ein Porträt des frühklassizistischen Malers Friedrich Georg Weitsch – ein Ausschnitt findet sich auf den CD-Covers der vorliegenden Einspielungen – soll traditionsgemäss Wilhelm Friedemann Bach darstellen. Doch der gepflegte Habitus dieses frohgemuten Mannes im eleganten Pelzkragen, in der Linken die Lederhandschuhe (und ohne Attribute, die auf einen künstlerischen Beruf hinweisen) passt so gar nicht zur Vita, zum Charakter und zur Tonsprache von Johann Sebastian Bachs ältestem Sohn. Und: Der Herr (ohne Perücke) mag gut 40-jährig sein; Friedemann Bach, 1710 geboren, hätte Weitsch demnach um 1750 Modell sitzen müssen – der Maler wurde aber erst 1758 geboren. Verabschieden wir den Grandseigneur, halten wir uns besser an die Rötelzeichnung von P. Gülle von 1782, das Bild eines alten Mannes mit Perücke.

Sein Vater gab Wilhelm Friedemann das musikalische Rüstzeug mit auf eine Karriere, die ihn über Dresden (1733) nach Halle an der Saale führte, wo er als Kantor und Director Musices zwischen 1746 und 1764 wirkte. Nach seinem selbst gewählten Abschied und erfolglosen Bewerbungen hielt er sich als freier Künstler mit Unterrichten und Konzertieren über Wasser. 1774 liess er sich in Berlin nieder; die einzige nachweisbare (und einflussreiche) Schülerin jener Zeit war Sara Levy, geborene Itzig, die Grosstante Felix Mendelssohn Bartholdis. Friedemanns wirtschaftliche Schwierigkeiten verschärften sich – 1784 starb er, als Künstler weitgehend vergessen, und hinterliess Frau und Tochter im Elend. In einem Nachruf war zu lesen: «Deutschland hat an ihm seinen ersten Orgelspieler und die musikalische Welt überhaupt einen Mann verloren, dessen Verlust unersetzlich ist.»

Legenden und Anekdoten ranken sich um seinen Charakter. Meist sind sie kritischer, gar negativer Art; jedenfalls galt Wilhelm Friedemann als Schwieriger, als dickköpfiger Aussenseiter, der sich Konventionen und Konzessionen entzog, als Weltfremder, der auf sicheren Lohn in kirchlichen und adeligen Zwängen verzichtete und am Rand der Armut als ungebundener Künstler wirkte. Johann Sebastian mag seinem Sohn das berufliche Selbstwertgefühl gestärkt haben; doch während der Vater die Spannungen zwischen Innen und Aussen in seiner Arbeit fruchtbar machen konnte, rieb sich der Sohn an den Anforderungen und seinem kantigen Charakter auf.

Unbestritten waren Friedemann Bachs künstlerische Leistungen. Er galt als führender Orgelvirtuose, Cembalospieler und Improvisator seiner Zeit, als hochorigineller Komponist. Carl Philipp Emanuel äusserte über Friedemann, dieser könne den Vater besser ersetzen als all seine Brüder zusammen. Später, als Johann Sebastian Bach wieder im Rampenlicht stand, wurden seine Söhne mit dem Status von Epigonen bedacht. Erst die Erschliessung ihres Œuvres machte den Weg frei für einen von tradierten Vorurteilen unbelasteten Umgang mit ihrer Musik.

Als einen grundlegenden Beitrag zur Neubewertung der eigenständigen künstlerischen Leistungen Wilhelm Friedemann Bachs hat der Carus-Verlag, Stuttgart, eine vollständige kritische Ausgabe seiner Werke in elf Bänden unter der Editionsleitung von Peter Wollny, Bach-Archiv Leipzig, an die Hand genommen (desgleichen eine von Johann Christoph Friedrich Bachs Schaffen). Und in Koproduktion mit dem SWR bzw. WDR legt das Label Carus vier Alben mit Werken von Wilhelm Friedemann Bach vor: Zwei CDs sind Kantaten gewidmet, je eine Claviermusik sowie Concerti und Trios. (Eine weitere Carus-CD mit Concerti Friedemanns wurde publiziert in der Reihe Die Bach-Söhne I.) Die interpretatorisch wie aufnahmetechnisch exzellenten Einspielungen werden von dreisprachigen illustrierten Booklets begleitet.

Friedemann schuf seine Instrumentalwerke vornehmlich in Dresden (1733–1746) und Berlin (1774–1784), die Vokalwerke in Halle (1746–1764). Sein erhalten gebliebenes Œuvre liegt erst zum Teil und oft in entstellter Form vor. Initiativen von Martin Falck (um 1913; von ihm stammt das WFB-Werkverzeichnis mit dem Kürzel F bzw. Fk) und in den 1930er Jahren von Max Seiffert waren bereits in einem frühen Stadium abgebrochen worden.

In zwei musikalischen Welten bewegte sich Wilhelm Friedemann Bach ebenso stilsicher wie individuell. Seine Hallenser Kantaten – erhalten haben sich etwa 20 – sind in ihrer konzertanten und polyphonen Satzweise der spätbarocken Tradition verpflichtet, der Klangrede von Vater Bach, doch keineswegs Schablonen unterworfen, vielmehr höchst zugriffig und erfindungsreich. Noch markanteres Profil sichert sich Wilhelm Friedemann Bach in den Concerti, der Kammermusik und den Klavierkompositionen. Sie blicken zurück auf den ernsten Barock, auf Vaters Erbe, auf den galant-empfindsamen Stil und drängen vorwärts zur Frühklassik. So eignet diesen Werken eine stilistische und experimentelle Spannung, wie sie für Übergangsphasen kennzeichnend ist.

Zwei Möglichkeiten der Aufführung dokumentieren die Kantaten-Alben. Vokalsolisten, der Bachchor Mainz und das Barockorchester L’arpa festante unter der Leitung von Ralf Otto realisieren vier Werke (drei davon in Ersteinspielung) in kräftiger Besetzung, die Rastatter Hofkapelle unter Jürgen Ochs widmet sich zwei Kantaten, darunter Friedemanns Antrittsmusik in Halle «Wer mich liebet, der wird mein Wort halten», der Missa in g, einem Sanctus und einem Agnus Dei (sämtlich Ersteinspielungen), in solistischer Art – acht Vokalsolisten und zehn Instrumentalisten. Die Ergebnisse überzeugen in beiden Fällen, nehmen ein durch musikantischen Elan, unforcierte Expressivität und klangliche Opulenz.

Das eine der beiden Cembalokonzerte (jenes in g-Moll) und die zwei Trios des Albums Concerti & Trios sind ebenfalls Ersteinspielungen. Hier herrschen Wilhelm Friedemann Bachs «moderne» Qualitäten: sprühende Lebenskraft und Schroffheiten in den raschen Sätzen, breit fliessende, mit Widerständen aufgeladene Melodielinien in den langsamen. Wie virtuos Friedemann das Tasteninstrument beherrschte, führt der Cembalist Sebastian Wienand in beeindruckender Weise vor. Die Streicher in den Concerti sind solistisch besetzt.

Noch stärker widerspiegeln die Clavierwerke Wilhelm Friedemann Bachs profilierte künstlerische Ambitionen, die sich nicht von irgendwelchen Konzessionen an den Publikumsgeschmack hemmen liessen, im Alter gar zu einem grüblerischen Improvisieren wurden, deutbar als Rückzug aus den widrigen Realitäten des Lebens. Auf einem hell klingenden zweimanualigen Cembalo (dem Nachbau eines Hamburger Instruments von 1728) stellt Léon Berben alle Charakteristika dieser Meisterwerke der Klaviermusik mit vitalem Zugriff heraus, vielseitig in Ausdruck, Stimmung und reich an Klang- und Rhythmusnüancen. Fünf davon sind Ersteinspielungen – ein weiterer Hinweis darauf, welche Schätze es im Schaffen Wilhelm Friedemann Bachs noch ans Licht zu befördern gilt. Einem Genie zu Ehren, dem Musikleben zur Bereicherung. (ws)

Wilhelm Friedemann Bach: Concerti & Trios. – Cembalokonzerte D-Dur BR-WFB C 9 / Fk 41 und g-Moll BR-WFB C-Inc. 17 / Fk unsicher. Trio B-Dur für 2 Violinen und Bc BR-WFB B 16 / Fk 50, Trio H-Dur für Violine und Cembalo BR-WFB B-Inc. 19 / Fk unsicher. – Sebastian Wienand, Cembalo; Anne Kathrina Schreiber, Martina Graulich, Violinen; Werner Saller, Viola; Frank Coppieters, Violone; Ute Petersilge, Cello. (Carus 83.357; 69’)

Wilhelm Friedemann Bach: Claviermusik I. – Ouvertüre Es-Dur BR-WFB A 59 / Fk deest. Concerto G-Dur BR-WFB A 13b / Fk 40. Sonata F-Dur BR-WFB A 10 / Fk unsicher, Sonata D-Dur BR-WFB A 4 / Fk 3. Menuett F-Dur BR-WFB A 50b / Fk deest. Fantasia d-Moll BR-WFB A 105 / Fk deest, Fantasia e-Moll BR-WFB A 24 / Fk 21. – Léon Berben, Cembalo von Keith Hill nach einem Instrument von Christian Zell, Hamburg 1728. (Carus 83.346; 69’)

Wilhelm Friedemann Bach: Kantaten I. – «Ach, dass du den Himmel zerrissest» BR-WFB F 3 / Fk 93. «Wohl dem, der den Herren fürchtet» BR-WFB F 19 / Fk 76. «O Wunder, wer kann dieses fassen» BR-WFB F 2 / Fk 92. «Gott fähret auf mit Jauchzen» BR-WFB F 10 / Fk 75. – Dorothee Mields, Sopran, Gerhild Romberger, Alt, Georg Poplutz, Tenor, Klaus Mertens, Bass. Bachchor Mainz. L’arpa festante. Leitung: Ralf Otto. (Carus 83.362; 79’)

Wilhelm Friedemann Bach: Kantaten II. – «Der Herr wird mit Gerechtigkeit richten die Armen» BR-WFB F 17 / Fk 81. «Wer mich liebet, der wird mein Wort halten» BR-WFB F 12 / Fk 72. Missa g-Moll BR-WFB E 1 / Fk 100. «Heilig ist Gott, der Herr Zebaoth» BR-WFB E 3 / Fk 78a. Agnus Dei BR-WFB E 4 / Fk 98b. – Rastatter Hofkapelle. Leitung: Jürgen Ochs. (Carus 83.429; 67’)

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