15.10.2010 — In der Musikgeschichte der USA ist er eine ruhmreiche Grösse – in Europa kennt man kaum seinen Namen. William Schuman, 1910 in New York geboren, dort 1992 gestorben, wirkte massgebend in wichtigen Positionen des Kulturlebens und als Komponist mit hohem Ansehen. Anlässlich seines 100. Geburtstags hat das Label Naxos den Kernbestand dieses bedeutenden US-amerikanischen Sinfonikers des 20. Jahrhunderts auf fünf CDs publiziert.
In Jugendjahren gründete Schuman eine Jazzband, in der er Violine, Banjo und weitere selbst erlernte Instrumente spielte, komponierte Stücke populären Charakters und Songs und Chöre für Cabaret und Variété. Nach dem Erlebnis eines Konzerts unter Toscanini verliess er die School of Commerce, um Musik, «klassische» Musik, zu studieren, Harmonielehre und Kontrapunkt, Komposition dann bei Roy Harris.
Die Verleihung des 1. Pulitzer-Preises für Musik (ausgezeichnet wurde Schuman 1943 für die Kantate «A Free Song») eröffnete ihm eine steile Karriere. Trotz der Belastung als Publikationsdirektor des Schirmer-Verlags, als Präsident der Juilliard School of Music (an der er das Juilliard-Streichquartett ins Leben rief), als Präsident des Lincoln Center for Performing Arts (1962–1969), als Jurymitglied, Reformer der Musikerziehung und Dozent schuf er ein qualitätvolles vielseitiges Œuvre. Zu seinen frühen Mentoren gehört der Dirigent Sergej Kussewitzky.
Schuman zählt zu den Klassikern der amerikanischen Musik – ein Jahrgänger ist Samuel Barber, Zeitgenossen sind Leroy Anderson, Milton Babbitt, Elliott Carter, Aaron Copland, Roy Harris, Roger Sessions. Nichts verbindet Schumans Traditionsverhaftung mit dem revolutionären Gedankengut der 1912 geborenen John Cage und Conlon Nancarrow.
Als Elemente in Schumans Orchesterkompositionen wirken tonale Bindung mit bedachtsamen Erweiterungen, ausgeprägt vitale rhythmische Faktur, breitgespannte Melodiebögen, kontrapunktische Verdichtungen und vehement ausgreifender Elan. In vielen Werken verschmelzen barocke (die 3. Sinfonie besteht aus den Sätzen Passacaglia und Fuge, Choral und Toccata) und spätromantisch-europäische Einflüsse mit Charakteristiken des Jazz und der Populärmusik. Der häufige, oft solistische Einsatz der Perkussionsgruppe ist ein Merkmal von Schumans ausgeklügelter Instrumentationskunst, mit der er die Klangfarben der einzelnen Register gegeneinander absetzt oder erfindungsreich und originell mischt.
Dass Gerard Schwarz, einer der profilierten amerikanischen Dirigenten, mit dem Schaffen William Schumans und mit dem engagiert und klangüppig gestaltenden Seattle Symphony Orchestra, dem er seit 25 Jahren vorsteht, eng vertraut ist, beweisen die zwischen 2004 und 2010 realisierten, auf fünf CDs im Set edierten Einspielungen.
Sie enthalten die Sinfonien 3 bis 10, entstanden zwischen 1941 und 1976 (die Sinfonien 1 und 2 aus den Dreissigerjahren hat der Autor zurückgezogen), sowie sieben weitere Orchesterwerke: zwei Ballettmusiken für Martha Graham, «Night Journey» (1947) und «Judith» (1949), dann Prayer in a Time of War, Orchestra Song, Circus Overture und die beiden populären – und entsprechend am häufigsten eingespielten – Kompositionen Schumans, das New England Triptych (1956) und die von Schuman instrumentierten Variations on «America» von Charles Ives (1891/1964). (ws)
William Schuman: The Symphonies and selected Orchestral Works. – Sinfonien 3 bis 10. – Orchestra Song. Circus Overture. Judith (Choreographic Poem). Prayer in a Time of War. Three England Triptych after William Billings. Night Journey. Variations on «America» by Charles Ives, arr. Schuman. – Seattle Symphony. Leitung: Gerard Schwarz. (Naxos 8.505228, American Classics Series; 5 CD Boxed Set)