Drücke „Enter”, um zum Inhalt zu springen.

Ein Samba-Film zur Fussballweltmeisterschaft

Filmstill

 

06.06.2014 — Die Fussball-WM in Brasilien gibt vielen Medien Gelegenheit, das grösste Land Südamerikas von allen Seiten zu beleuchten und dabei manchmal auch bloss die alten Klischees von Sonne, Strand, Samba und Lebensfreude aufzuwärmen. Deutlich heraus sticht Georges Gachots exzellenter Dokumentarfilm, «O Samba», den das koproduzierende Schweizer Fernsehen SRF diesen Sonntag in seiner «Sternstunde Kunst» zeigt. Er porträtiert  den Sambamusiker Martinho da Vila und die Sambaschule Vila Isabel von Rio de Janeiro. Dabei lässt er einiges von der Stimmung und der Philosophie der als Gemeinschaftsprojekte angelegten Kollektive erahnen, die sich jährlich in einem harten Wettkampf messen. Die eigenständige und überaus vielfältige Musikultur Brasiliens ist ‒ darüber täuscht die entspannte Joie de vivre ihrer Exponenten nach aussen hin gerne hinweg ‒ generell eingebettet in gnadenlos leistungsorientierte Wettbewerbssysteme.

Filmstill

 

06.06.2014 — Die Fussball-WM in Brasilien gibt vielen Medien Gelegenheit, das grösste Land Südamerikas von allen Seiten zu beleuchten und dabei manchmal auch bloss die alten Klischees von Sonne, Strand, Samba und Lebensfreude aufzuwärmen. Deutlich heraus sticht Georges Gachots exzellenter Dokumentarfilm, «O Samba», den das koproduzierende Schweizer Fernsehen SRF diesen Sonntag in seiner «Sternstunde Kunst» zeigt. Er porträtiert  den Sambamusiker Martinho da Vila und die Sambaschule Vila Isabel von Rio de Janeiro. Dabei lässt er einiges von der Stimmung und der Philosophie der als Gemeinschaftsprojekte angelegten Kollektive erahnen, die sich jährlich in einem harten Wettkampf messen. Die eigenständige und überaus vielfältige Musikultur Brasiliens ist ‒ darüber täuscht die entspannte Joie de vivre ihrer Exponenten nach aussen hin gerne hinweg ‒ generell eingebettet in gnadenlos leistungsorientierte Wettbewerbssysteme.

 

Die Höhepunkte der Doku könnten allerdings leicht verpasst werden, so beiläufig sind sie eingestreut. So ist der Name da Vilas hierzulande kaum bekannt, eines seiner Lieder allerdings kennt in Europa jeder, weil es Nana Mouskouri («Quand tu chantes») zu einem Welthit verholfen hat. In der Dok sieht man Martinho, wie er die mittlerweile achtzigjährige griechische Sängerin im Pariser Studio besucht, die auch nicht mehr wirklich Herrin ihrer Stimme ist. Erhellend sind Martinhos Anmerkungen zur Geschichte des Liedes, das er als (revolutionäre) Aufforderung zu mehr positivem Selbstbewusstsein Unterprivilegierter geschrieben habe und in der europäischen Version zu einem harmlos-netten Wohlfühlsong mutiert sei.

 

Noch fast bedeutender ist eine beiläufige Bemerkung Martinhos zum Gesangsstil Brasiliens. Ein Franzose, so der Sänger, versuche etwa ein romantisches Lied zu verkörpern und die Zuhörerschaft mitleiden lassen. Der Brasilianer hingegen vermeide «Pathos» (Martinho verwendet den Ausdruck «Sofrimento» ‒ Leiden ‒, ob man es wirklich wie im Off-Kommentar mit «Pathos» übersetzen kann, ist fraglich. «Pathos» tönt da etwas zu… pathetisch). Ein Brasilianer wolle ein Lied einfach gut interpretieren, ohne den Anspruch, sein Publikum traurig zu stimmen. Das sagt Entscheidendes aus über das Lebensverständnis der Brasilianer, es ist ein wichtiger Grund dafür, weshalb sie uns so liebenswürdig erscheinen. Sie sind im Umgang wie eben der Sänger unaffektiert-pragmatisch, lassen sich ‒ auch in der Familie und weiteren sozialen Gemeinschaften ‒ leben und setzen im Alltag viel Toleranz gegenüber individueller Entfaltung und Interessen. Was sie allerdings nur schlecht ertragen ‒ auch das kommt im Film gut zum Ausdruck ‒ ist emotionale Kälte, persönliche Geringschätzung und Gleichgültigkeit.

 

Ganz kurz ist im Film im übrigen am Rande auch noch die Rede von Jair Rodriques, der im Studio erwartet werde. Dort treffen sich einige der ganz Grossen mit Martinho zum gemeinsamen Singen, darunter auch ein ebenfalls sichtlich gealterter Ney Matogrosso. Rodrigues ist am 8.Mai dieses Jahres gestorben. Zusammen mit der hierzulande ungleich bekannteren Elis Regina prägte er in den 1960er-Jahren die brasilianische Popularmusik mit. Die beiden waren etwa Partner in der legendären TV-Sendung  «O Fino da Bossa» («Das Beste des Bossa [Nova]»). (wb)

 

Info: «O Samba», Dokumentarfilm von Georges Gachot, CH 2014, Sonntag, 8. Juni 2014, 11.55 Uhr, SRF 1.

Schreibe einen Kommentar