
Eindrücke von der Eröffnungsfeier des Kongresses (Bild: zvg)
In Wien und in Krems an der Donau haben sich Forscher und Praktiker der Musiktherapie aus aller Welt unter dem Motto «Cultural Diversity in Music Therapy Practice, Research and Education» zum 14th World Congress of Music Therapy getroffen. Der überaus lebendige Anlass zeugte von hoher Dynamik und Aufbruchstimmung der Disziplin.
Irgendwie stimmt’s, und irgendwie stimmt’s auch wieder nicht: Musik kann Grenzen überschreiten, Menschen zusammenbringen, über alle kulturellen Grenzen hinweg gemeinsame Erlebnisse ermöglichen. Die gerne zitierten Bonmots grösserer und weniger grosser Geister zur Musik zeugen davon: Musik soll beginnen, wo die Sprache aufhört, soll tiefer, genauer, authentischer sein als Worte und existentieller berühren als jede andere menschliche Tätigkeit. So masslos im Anspruch solche Behauptungen sind, so ungenau und unbelegt oder gar unbelegbar sind sie. Im Alltag werden die Mythen zur Macht der Musik noch immer feilgeboten, sie reichen noch immer von magischen Reinigungskräften über kosmische Spiegelungsfantasien bis zu tiefenpsycholgischen und behavioristischen Heilserwartungen. Die Musiktherapie aber und ihr theoretischer Unterbau, die Musikwirkungsforschung, müssen sie auf den Prüfstand stellen und dazu die konkreten Belege einfordern. Ihre Repräsentanten müssen sich fragen, mit welcher Währung da bezahlt wird. Wie die globalen Scientific Communities der Musikwirkungsforschung damit umgehen, liess sich am diesjährigen Weltkongress der Musiktherapie ‒ dem 14. seiner Art ‒ ablesen, sinnigerweise unter dem Motto «Kulturelle Vielfalt in Praxis, Forschung und Ausbildung». Die World Federation of Music Therapy war zu Gast in Niederösterreich und Wien.
Kaum deutlicher hätte das Treffen in den Räumen der Fachhochschule IMC Krems aufzeigen können, dass die Heilung mit Musik im Aufbruch ist und einen tiefgreifenden Wandel durchlebt. Die jüngsten Entwicklungen in empirischer Psychologie, Neurowissenschaften, Wissenschaftstheorie und evidenzbasierter Medizin haben den Druck auf die Therapeutinnen und -therapeuten erhöht, ihre traditionellen methodischen und ideellen Fundamente teils vollkommen neu zu überdenken. Die Definitions- und Methodendiskussion beherrschte den Kongress auf fast allen Ebenen, eben die Frage, was den nun stimmt und nicht stimmt an den eingangs erwähnten Behauptungen und wie man das, was stimmt, für den therapeutischen Alltag fruchtbar machen kann. Und wie man Möglichkeiten zum globalen Dialog findet, ohne dass eine Weltregion ihre Wissenschaftskultur den anderen apodiktisch aufzwingt.
Wissenschaftliche Konzepte kritisch hinterfragt
Die zur Zeit zu beobachtende Aufbruchsdynamik beschränkt sich denn, wie der Kongress eindringlich zeigte, auch keineswegs auf die Länder Westeuropas und Nordamerikas. So machte etwa Wolfgang Mastnak, ein unter anderem am Shanghai Conservatory of Music tätiger exzellenter Kenner der ostasiatischen Musiktherapieszene, auf tiefgreifende Reformen in China aufmerksam, die internationale Forschungszusammenarbeit genauso umfassen wie eine kritische Analyse der eigenen therapeutischen Konzepte. Und der am Centro Gaucho de Musicoterapia in Porto Alegre tätige André Brandalise berichtete über avantgardistisch anmutende, wegweisende Studien, die in Brasilien mit Blick auf den Umgang mit Fehlern im musiktherapeutischen Alltag durchgeführt worden sind. Sie leisten einen wichtigen Beitrag zu einer professionell reflektierten klinischen Arbeit auf hohem Niveau.
Noch weiter ging eine Diskussionsrunde zur Frage, ob es möglich ist, weltweit gültige Mindeststandards für Musiktherapeuten zu definieren, die in Form eines «Global Equivalency Certificate» zu einer höheren globalen Durchlässigkeit innerhalb der Therapie-Anbieter führen könnte. Derartige Bemühungen werfen unmittelbar die Frage auf, was denn universale Prinzipien in der Musiktherapie sein könnten, eine Setzung, welche die Arbeitsguppe in frühem Stadium noch offen lassen musste.
Zu den Grundsatzerörterungen gehört auch die Frage, ob und wie sich die Effekte der spezifischen Musiktherapie gegenüber denjenigen der allgemeinen Musikpädagogik abgrenzen liessen. Die österreichische Flötistin und Musiktherapeutin Barbara Schnetzinger hat dazu die Gesetzesbestimmungen, die in Österreich die Musiktherapie regeln, mit denjenigen zur Musikpädagogik verglichen. Ihr Fazit an der Konferenz: So einfach lassen sie sich nicht abgrenzen. Die kathartische Wirkung von Musik ist eben nicht bloss auf spezifische therapeutische Settings begrenzt.
Auf dem Weg zu globalen Standards in der Ausbildung
Thomas Hillecke, seines Zeichens Dekan der SRH Hochschule Heidelberg, stellte die Methodendiskussionen in den grösseren Zusammenhang der Debatten, die in ähnlicher Weise in Psychologie, Sozialwissenschaften und Teilen der Medizin zur Zeit engagiert geführt werden, ausgehend von einem mittlerweile berühmt gewordenen Artikel des Epidemiologen John Ioannidis («Warum die meisten veröffentlichten Forschungsergebnisse falsch sind», DOI: 10.1371/journal.pmed.0020124).
Zum Kristallisationspunkt für die Debatte zur Charakterisierung der Musiktherapie wurde eine «Spotlight Session» zur Frage, welche Forderungen an eine zeitgemässe Ausbildung in der Musiktherapie zu stellen seien. Der finnische Therapiemethoden- und Improvisations-Forscher Jaakko Erkkilä forderte da einen intensiveren Dialog zwischen den Pflegefachleuten und die Entwicklung einer gemeinsamen Sprache. Und der Belgier Jos de Backer demonstrierte mit der eindrücklichen Schilderung der Arbeit mit einer schwer traumatisierten Patientin, dass der Ausgangspunkt jeglicher wissenschaftlicher Verallgemeinerung immer noch die souveräne Einzelfalldokumentation ist. Sie bleibt letztlich die Kontrollinstanz, an der sich ablesen lässt, ob abstrakte, wissenschaftlich belegte und abgeleitete Prinzipien tatsächlich das Wesentliche der konkreten einzelnen Intervention erfassen.
Gerhard Tucek, der Leiter des Konferenzteams, machte dazu auf einen Grundkonflikt aufmerksam, den es zu berücksichtigen gelte: Musiktherapeuten gerieten in einen unauflösbaren Widerspruch, wenn sie ihre praktische Arbeit für Forschungsarbeiten nutzen sollten, weil die Ziele einer empathischen Begleitung ihrer «Kunden» eine nüchterne wissenschaftliche Arbeit verunmöglichten, die tatsächlichen interessanten Prozesse sich aber eben möglicherweise bloss im therapeutischen Alltag zeigten.
In einem Abschlusspanel schliesslich wurde die Frage aufgeworfen, ob es in der Musiktherapie einen Graben zwischen Forschung und Praxis gebe ‒ mit äusserst widersprüchlichen Antworten, die sich aber in der Einsicht vereinen lassen, dass beide Seiten systematisch unterschiedliche Aufgaben erfüllen. Vor allem die Transferprozesse müssen professionalisiert werden, sei es in Form von Wissenschaftsjournalismus, der für den Praktiker in nützlicher Form abstrakte Forschungsresultate nachvollziehbar macht, sei es mit Sensibilisierung der Theoretiker für die möglicherweise entscheidenden therapeutischen Prozesse, die sich im klinischen Alltag bloss subkutan zeigen und sich einer Metrisierung in Doppelblindstudien notorisch entziehen.
Sprache als genuiner Teil des Erkenntnisprozesses
Im Abschlusspanel wiesen lateinamerikanische Teilnehmer in der offenen Diskussion aber auch darauf hin, dass auf dem Podium, das laut einer launischen Charakterisierung des Moderators die «Crème de la Crème» der Musiktherapieforschung versammle, nur Vertreter aus Westeuropa und Nordamerika Einsitz genommen hätten. Lokale Kulturen wie etwa die humanistischen Ansätze in Ländern wie Kolumbien oder Mexiko, die Resultate zeitigten, würden so marginalisiert. Ein wichtiges Hindernis sei dabei die Sprache, respektive die Beschränkung der Kommunikation auf ein anonymes Wissenschaftsenglisch.
Lokale Entwicklungen in den globalen Dialog zu führen, ist sicherlich mit einer Bringschuld verbunden. Auf dem Podium bemerkte der in Grossbritannien tätige Neurowissenschaftler Jörg Fachner, man komme dabei kaum darum herum, sich für den globalen Dialog auf eine gemeinsame Sprache zu einigen. Das ist kaum falsch. Allerdings lassen sich in Wissenschaftszweigen, die mit dem menschlichen Erleben und individueller Welterfahrung zu tun haben, Erfahrungsdaten nicht von der Sprache, in der sie formuliert werden, trennen. Die Beschränkung auf ein von lokalen Eigenarten bereinigtes Rumpfenglisch kann es deshalb verunmöglichen, zentrale Inhalte in Einzelfallbeschreibungen und Versuchsanlagen nachvollziehbar zu machen. Möglicherweise wird man den Prozess des Übersetzens künftig als wesentlichen Teil der weltweiten Diskussion sehen müssen und in interdisziplinären Teams neben Medizinern, Psychologen und Therapeuten zwingend auch Sprachspezialisten integrieren. Dabei könnte es möglich sein, dass internationale Fachpublikationen der Musiktherapie mehrsprachig (mit Übersetzungen von Artikeln, die genuiner Teil des Erkenntnisprozesses wären) geführt werden.
Eine zentrale Einsicht blieb an der Konferenz am Schluss, dass es noch viel zu tun gibt, bis die methodischen und praktischen Grundlagen der Musiktherapie solide und robust gestaltet sind, und dass dazu vor allem noch die richtigen Rahmentheorien fehlen. Die Zeiten des sorglosen Adabei im Wissenschaftsbetriebs nach der Devise «je mehr, umso besser» scheinen vorbei zu sein. Dass es dazu «weniger, dafür bessere Forschung aus den richtigen Gründen» geben müsse, meinte auf dem Abschlusspodium etwa der Norweger Christian Gold. Man war sich einig, dass es sowohl die Forschung braucht, die etwas weg vom therapeutischen Alltag von wissenschaftlicher Neugier und der Suche nach empirisch verankerten Gesetzmässigkeiten motiviert wird, als auch den therapeutischen Alltag, der immer initimes und emotionales Einzelereignis bleiben wird.
Im Rahmen des Kongresses wurden auch zahlreiche teils exzellente Einzelstudien aus den typischen Wirkungsfeldern der Musiktherapie präsentiert, aus Neonatologie, Traumatologie, Palliativmedizin, Neurorehabilitation, Sozialen Projekten, Biografiearbeit und so weiter und so fort. Sie alle hängen etwas in der Luft, wenn es nicht gelingt, sie mit Grundlagenarbeit an den Konzepten und Experimentalanlagen der Musikwirkungsforschung zueinander in Beziehung zu setzen und damit wirklich zum Sprechen zu bringen. Erst dann lassen sich nämlich die eingangs zitierten Ansprüche einlösen, erst dann kann in der Musiktherapie Musik wirklich Grenzen überschreiten, Menschen zusammenbringen und über alle kulturellen Grenzen hinweg authentische gemeinsame Erlebnisse ermöglichen. (wb)
Info:
14th World Congress of Music Therapy, Cultural Diversity in Music Therapy Practice, Research and Education, 7. – 12. Juli 2014, Wien und Krems an der Donau. Webseite: www.musictherapy2014.org
Wolfgang Böhler, der Autor dieses Berichtes, ist Gastlektor an der Fachhochschule IMC Krems und war am Kongress Referent.