
Die Musiktherapie ist in Bewegung, auch in einer Aufwärmrunde des Zürcher Symposiums (Bilder: Codex flores)
Ein Symposium der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) hat den Rücktritt der beiden Schweizer Musiktherapie-Pioniere Fritz Hegi und Maja Rüdisüli aus der Lehre zum Anlass genommen, sich zum Stand der Musiktherapie auszutauschen. Es hat dabei viel internationale Fachprominenz versammelt.
19.01.2015 — Seit 2003 werden an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) in Kooperation mit der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik (HfH) sowie in Zusammenarbeit mit der Schweizer Charta für Psychotherapie Musiktherapie-Studiengänge angeboten. Den Kern bildet ein Master of Advanced Studies (MAS) ZFH Klinische Musiktherapie, der berufsbegleitend als Nachdiplomstudium über vier Jahre erworben werden kann. Wesentlich zu verdanken ist er der Aufbauarbeit von Fritz Hegi und Maja Rüdisüli. Sie sind mit der Tagung, zu der Musiktherapie-Studienleiter aus dem ganzen deutschsprachigen Raum eingeladen worden sind, offiziell in den (Un-)ruhestand verabschiedet worden.
Sandra Lutz Hochreutener, die in der Nachfolge zusammen mit Beate Roelcke die Leitung des Zürcher MAS Klinische Musiktherapie innehat, blendet in einer Würdigung zum Abschluss der aussergewöhnlich gut besuchten zwei Tage denn auch zurück bis in die 1970er-Jahre, in denen die Schweizer Musiktherapie aus den Ideen der 68er-Bewegung wuchs und vorerst in diesem Sinn und Geist weitgehend autodidaktisch aufgebaut wurde. 1980 kam es zur Gründung des Schweizer Fachverbandes für Musiktherapie (SFMT). In den 1980er-Jahren prägten Seminare des Hamburger Pioniers Helmut Decker-Voigt in Boswil und am Konservatorium Schaffhausen durch Walter Kläy ‒ einer breiteren Öffentlichkeit vor allem als Radioredaktor bekannt ‒ die familiäre Szene. Ab 1986 wurde eine Berufsbegleitende Ausbildung Musiktherapie (BAM) angeboten, die 2003 schliesslich als MAS in die Weiterbildungsangebote der ZHdK integriert wurde.

Viel Prominenz unter den versammelten Referierenden
Im Eröffnungsreferat der Tagung hat die Wienerin Elena Fitzthum den Bogen bereits noch weiter zurückgespannt und die Wurzeln der deutschen und österreichischen Musiktherapie in den Reformbewegungen des frühen 20. Jahrhunderts nachgezeichnet, vor allem der freiheitlichen Alltagskörperkultur ‒ nicht ohne zunächst daran zu erinnern, dass die 1891 geborene Luzernerin Mimi Scheiblauer als Rhythmik-Pionierin der Musiktherapie in der Heilpädagogik wesentliche Impulse verlieh. Die Reformbewegungen hätten vor allem eine Anti-Haltung kultiviert, erklärte Fitzthum, sie hätten sich gegen Zwänge gerichtet, gegen Bevormundungen, für Selbstverwirklichung und Frauenrechte, freie Sexualität und freien künstlerischen Ausdruck. Die Musiktherapie fusse historisch betrachtet auf einem multidisziplinären Erbe, das geprägt sei von Umbrüchen und Emanzipationsprozessen und der aufkommenden Tiefenpsychologie. In die USA getragen wurden die Ideen von Verfolgten der Nationalsozialisten, hierzulande wiederum prägten sie auch die traumatischen Erfahrungen mit den Euthanasiegesetzen.
Nicht zuletzt den Pionierarbeiten von Mimi Scheiblauer sei es zu verdanken, dass die Musiktherapie hierzulande in der Heilpädagogik, teils geprägt von anthroposophischen oder antiintellektuell-spirituellen Konzeptionen, in den 1960er- und 1970er-Jahren Fuss fassen konnte. In dieser Zeit, erklärt Fitzthum, hätten sich Definitionen des Faches ihrer ideellen Herkunft aus einer Protestbewegung folgend vor allem darin erschöpft, zu sagen, was es nicht sei.

Fritz Hegi und Maja Rüdisüli mit Sandra Lutz (in der Mitte) bei
ihrer offiziellen Verabschiedung.
Die aktuellen Entwicklungen in Europa skizzierte am Symposium die Dänin Hanne Mette Ochsner. Ihre Ausführungen zeigten, dass die Phasen, welche die Musiktherapie in der Schweiz durchgemacht hat, durchaus europäische Entwicklungen widerspiegeln. Auf dem ganzen Kontinent sei gegen Ende des 20. Jahrhunderts eine Professionalisierung zu beobachten gewesen, die Nuller-Jahre des 21. Jahrhunderts hätten zu einem exponentiellen Anwachsen der Forschung geführt, und die Musiktherapie habe in verschiedene nationale klinische Richtlinien Eingang gefunden, etwa in Grossbritannien und Dänemark.
Die Verabschiedung von Fritz Hegi und Maja Rüdisüli fällt in eine Zeit intensivster Grundlagen- und Methodendiskussionen der Musiktherapie. Dem ist auch an der Zürcher Tagung Rechnung getragen worden. In einem «World Café» haben sich Referierende und Teilnehmer in Gruppen zusammengesetzt, um Fragen darum zu diskutieren, wie sich Musiktherapie im Spannungsfeld zwischen traditionellen geisteswissenschaftlichen Konzepten und kostenbewusster, evidenzbasierter Medizin, Heilritualen und heutigen Konsumkulturen bewegen und inwiefern das gesellschaftspolitische Engagement der Pionierzeit heute noch eine Rolle spielen kann oder soll.
Das Abschlusspodium ist mit Susanne Bauer, Friederike Haslbeck, Fritz Hegi, Bettina Kandé-Staehelin, Thomas Stegemann, Tonius Timmermann und Eckhard Weymann illuster besetzt. Fritz Hegi gibt sich in einer Art Resümee seiner ideellen Grundlagen überzeugt, dass sich die Musiktherapie nicht auf quantitative, naturwissenschaftliche Methoden reduzieren lässt. Es bedürfe ebenso phänomenologischer Forschung geisteswissenschaftlicher Prägung. Letztere ist seiner Überzeugung nach noch nicht gleich anerkannt wie die naturwissenschenschaftliche, die qualitativ-phänomenologischen Forschungen der Musiktherapie würden zur Zeit noch nicht angemessen gewürdigt.
Der Moderator Michael Eidenbenz, Leiter der Musikabteilung der ZHdK, hat das Podium zuvor eingeleitet ‒ mit der Beobachtung, an den Inhalten der Tagung lasse sich nach wie vor ein «gewisses Bedürfnis nach Selbstlegitimation» des Faches ablesen, obwohl dieses ja bereits ein gewisses Alter habe. Auch die auffallenden (gesellschafts-)politischen Implikationen als typische Herkunfts-Kennzeichen des Faches hat Eidenbenz angesprochen. An einem Kardiologenkongress etwa würden solche ja kaum virulent.
Auf dem Podium wird zudem darauf hingewiesen, dass mit der höheren Akzpetanz und der Integration der Musiktherapie in Kliniken und Krankenkassen eine wesentliche Stärke früherer Zeiten verloren zu gehen droht: die für geisteswissenschaftliche Auseinandersetzungen mit Heilungs- und Persönlichkeitsentwicklungs-Prozessen typischen Freiräume zeitintensiver, auch langsamer therapeutischer Prozesse. Die an den Unispitälern Bern und Zürich in der Neonatologie tätige Friederike Haslbeck sieht denn nach wie vor eine Stärke der Musiktherapie gerade darin, auch im hektischen klinischen Alltag für Inseln der Entschleunigung zu sorgen.
Info: Symposium «Musiktherapie unterwegs. Rückschau und Zukunftswerkstatt», Zürcher Hochschule der Künste, 10./11. Januar 2015.