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Was macht die Musik in der Musiktherapie?

 Doris Mäder-Güntner und der Aphasiechor der Rehaclinic Baden (Bild: Codex flores)

 

Einmal mehr hat die Rehaklinik Bellikon zu ihrer jährlichen Musiktherapie-Tagung eingeladen. Unter dem Motto «Was macht die Musik in der Musiktherapie?» reichte die Palette der Beiträge von Aspekten der musikalischen Improvisation über Grundsatzfragen der Musikwirkungsforschung bis zu einem überaus berührenden Beispiel gelungener Arbeit mit Aphasie-Betroffenen.

 

10.07.2015 – Der in Wien tätige Thomas Stegemann erinnerte gleich zum Auftakt daran, dass der Druck auf die Therapeuten, die Wirkung ihre Tätigkeiten nach den üblichen Kriterien der Wirksamkeit, Zweckmässigkeit und Wirtschaftlichkeit zu überprüfen gestiegen ist und dass Hoffnungen bestehen, sich dank neurophysiologischen Methoden dabei ein klareres, empirisch fundiertes Bild von den Effekten der Therapieform zu machen. Er skizzierte die aktuellen Modelle der neuronalen Verarbeitung des Musikhörens und ‑machens und wies auf neuere Untersuchungen hin, die zeigen, dass während musikalischen Improvisationen auch Regionen der Sprachverarbeitung im Endhirn aktiviert werden. So glauben etwa Forscher der Johns Hopkins University School of Medicine zeigen zu können, dass gemeinsames Musizieren einem sprachlichen Dialog durchaus nicht unähnlich ist.

 

Geht es um die Beziehungen zwischen Musik und Emotion, so steigt zur Zeit die Einsicht, dass es sich dabei um ein komplexes System zahlreicher Komponenten handelt. Sie möchte laut Stegemann das Modell einer schwedischen Forschergruppe um Patrik Juslin und Daniel Västfjäll in den Griff bekommen. Da spielen die Aspekte Hirnstammreflex, Konditionierung, Emotionale Ansteckung, Episodisches Gedächtnis, Visuelle Imagination, Musikalische Erwartung und Kognitive Bewertungen eine Rolle. Schliesslich wies Stegemann auch auf jüngere Einsichten in die Bedeutung der Neuroplastizität hin, die in Therapieprozessen dank Interaktionen und Intersubjektivität über rein kognitive oder emotionale Lernvorgänge hinausführen können.

 

Der Schweizer Philosoph und Musiker Wolfgang Böhler (der Verfasser dieses Berichts), warf einen Blick auf die grossen Wandlungsprozesse, die in der globalen Gemeinschaft der Musiktherapetinnen und ‑therapeuten zu Zeit zu beobachten sind. Nach einer Periode des zuversichtlichen Aufbruchs ‒ unter anderem dank der neueren Methoden der Hirnforschung und dem Aufbau wissenschaftlicher Strukturen ‒ scheint im Moment ein skeptischer Zwischenhalt angesagt zu sein. Dabei beeinflussen auch die zur Zeit laufenden, teils hitzig geführten Grundsatzdiskussionen um den Zustand der wissenschaftlichen Forschung in Psychologie und Sozialwissenschaften die Debatte. Zwar sind in den letzten Jahrzehnten eine Fülle an Daten erhoben worden, allerdings wächst die Einsicht, dass diese wenig aussagen, wenn ihre Strukturen nicht vereinheitlicht und mit soliden Rahmentheorien zur Musikwirkung in einen grösseren Zusammenhang gebracht werden können. Dass es im Verständnis der Wirkungen von Musik noch nicht zu echten Durchbrüchen gekommen ist, ist auch darauf zurückzuführen, dass erst heute richtig realisiert wird, wie komplex die Zusammenhänge sind, aber auch auf noch fehlende Resultate in zudienenden Disziplinen wie Musiktheorie, Neurowissenschaften, Sozialpsychologie und so weiter. Sie erst könnten ein aussagekräftiges Gesamtbild ermöglichen.

 

Der Pianist und Dozent für Improvisation Christoph Baumann charakterisierte in seinem Referat die Improvisation, die seiner Überzeugung nach keineswegs ausschliesslich ein spezifisches Kennzeichen des Muszierens ist. Vielmehr durchziehe Improvisation als Prinzip die unterschiedlichsten Lebenswelten. So improvisierten wir im täglichen Leben, genauso wie Kinder sich die Welt mit improvisierendem Lernen und Ausprobieren die Welt aneignen, so Baumann. In der westlichen Welt haben zum einen die Verschriftlichung der Musik in der Neuzeit und die damit entstandene Schriftgläubigkeit sowie zum andern die Allgegenwärtigkeit von Tonaufnahmen, die aus dem Moment Entstehendes fixieren, dazu geführt, dass der ungezwungene Zugang zum Improvisieren verloren gegangen ist.

 

In der Musik verwende man Improvisation einerseits als Mittel zum Zweck, erklärte Baumann weiter, andererseits auch als Kunstform. Als Mittel zum Zeck nutzten wir sie, wenn wir ein komponiertes Musikwerk improvisierend erarbeiten und uns einzelne Stellen und Aspekte so aneignen. Als Kunstform wiederum bilde jedes Improvisationssystem einen eigenen Kanon an (Vermeidungs-)Regeln aus.

 

Für die Musiktherapie am Interessantesten dürfte die freie Improviation sein, der Baumann als Musiker am nächsten steht. Es handelt sich dabei um eine in den 1960er-Jahren entstandene, eigenständige Ausdrucksform, in der sich im Gegensatz zu Komposition die Zeit der Kreation mit der Zeit der Darbietung deckt. Frei Improvisierende können nichts zurücknehmen, sie sind gezwungen, aus allem einmal hörbar gewordenen Material etwas zu machen. Kreative «Fehler» können dabei ein spannungsauslösendes Moment bilden. Baumann sieht Chancen, solcherart Entstehendes als Ausdruck des Unbewussten, als «mögliches Dialogsritual» mit heilender Wirkung  zu nutzen. Allerdings, so der Referent, könne die Bewertung so entstehender Klangresultate auch irreführend sein, da sie an ästhetische Maximen gekoppelt sei.

 

Grundsätzliches zur Musiktherapie und ihren historischen Gebundeheiten legte die in Wien und Berlin tätige Karin Schumacher dar. Die Deutsche Gesellschaft für Musiktherapie definierte 1973 die Musiktherapie als «Anwendung der Kunst Musik, um therapeutische Ziele zu erreichen». Der Musiktherapeut setze dabei Musik und sich selbst ein, um Verhaltensänderungen herbeizuführen. Schumacher erinnerte an Pioniere wie Schwabe, Schmölz, Alvin, Orff, Wilms, Priestley, Benenzon, Nordoff und Robbins sowie Loos und den Schweizer Fritz Hegi. Durch ihre Konzeptionen ziehe sich immer wieder das Motiv der emotionalen Aktivierung oder Regulierung. So zielte etwa in Mary Priestleys Vorstellungen Musik nicht darauf ab, angenehme Erlebnisse zu vermitteln, sondern vielmehr darauf, «Blockierungen zu beseitigen, die einer weiteren Entwicklung entgegenstehen», und Katja Loos sah Musik als Möglichkeit, die «überstrapazierte Rationalität» zu entlasten und damit die Wahrnehmung von Gefühlen und eine Veränderung der Erlebnisverarbeitung zu bewirken.

 

Die in Baden und Zurzach tätige klinische Musiktherapeutin Doris Mäder-Güntner hatte für ihr Referat gleich einen ganzen Chor mitgebracht, den Aphasiechor der Rehaclinic Baden. Mäder-Güntner bekräftigte die Einsicht, dass die Verarbeitung von Musik in engem Kontakt zu dem emotionalen Zentrum einer Person steht, das von der modernen Neurologie schwergewichtig im limbischen System lokalisiert wird. Je mehr Aphasie-Betroffene emotional mit einem Lied verbinden, desto besser könnten sie Lieder denn auch lernen. Sprachkompetenzen seien in der linken Hemisphäre situiert. Diese sei es, die bei Aphasikern geschädigt sei. Melodische Strukturen, so Mäder-Güntner, werden jedoch von der rechten Gehirnhälfte verarbeitet.  Beim Singen von Liedern verbänden sich Melodien mit dem dazu gehörigen Text. So entstehe ‒ im Sinne einer netzwerkartigen Aktivierung ‒ eine Brücke zwischen Melodien und Wörtern. Es erstaune immer wieder, wie Aphasiker und Aphasikerinnen deshalb schon früh einzelne Vokale, Silben, Wörter, Refrains oder gar die erste Strophe eines Liedes singen könnten, in der Spontansprache jedoch anstünden. Für sie bedeute Musik ein Königsweg zum Wiederentdecken ihrer Sprache. (wb)

Info:  Villa Boveri, Baden, 12. Juni 2015. Musiktherapie und neurologische Rehabilitation, Was macht die Musik in der Musiktherapie? Tagung der Rehaklinik Belikon.   

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