13.10.2014 -- Von Béla Bartóks Divertimento für Streichorchester (1939) und Mozarts «Jupiter-Sinfonie» KV 551 umrahmt, bildeten zwei neue Werke von Fabian Müller (*1964), in Uraufführung dargeboten, die Hauptattraktion eines sehr konstrastreichen Konzerts mit dem Weinberger Kammerorchester in der Tonhalle Zürich.
Veröffentliche Beiträge in “Kritiken”
01.10.2014 -- In Boccaccios Decamerone flüchten lebenslustige Einwohner von Florenz vor dem Schwarzen Tod, der Pest, und halten sich mit dem Erzählen durchaus auch frivoler Geschichten bei Laune. Etwa so kommt es einem vor, was sich ein fideles Trüpplein Unentwegter in der Kulturschiene Herrliberg immer mal wieder leistet; nur dass es sich dabei nicht um junge rebellische, sondern vorwiegend eher um in die Jahre gekommene rebellische Exponenten des Schweizer Kulturlebens handelt, und auch nicht um die Pest (selbst wenn die Epidemie ähnlich zu riechen scheint), sondern um einen Kulturbetrieb, der aufgrund von Eventitis, Sauglattismus und Ahnungslosigkeit zahlenmastigierender Kulturmanager mit Schüler-Wagner-Mentalität vor die Hunde geht.
12.09.2014 -- Zum vierten Mal nach 2008, 2010 und 2012 ist in und um die Zürcher Tonhalle die «Stubete am See» durchgeführt worden. Das Treffen der Repräsentanten der Neuen Schweizer Volksmusik legt einen Schwerpunkt auf die Instrumentalmusik und die Verbindungen zur klassischen Musik und bietet Raum für allerlei anregende Experimente. Der Anlass versteht sich explizit als Brückenschlag zwischen Schweizer Volksmusik und europäischer Kunstmusik. Er stellt dazu unter anderem ein «Ländlerorchester», für den er jeweils einen Kompositionsauftrag vergibt.
29.08.2014 -- Das Menuhin Festival Gstaad mutiert immer mehr von einer sommerlichen Konzertreihe zu einer eigentlichen Sommerakademie. Die jüngste Ergänzung der Angebote, die bereits Barockmusik, Gesang sowie Meisterkurse für Klavier- und Streicher umfassen, ist eine «Conducting Academy». Sie bietet zwanzig jungen Dirigenten die Möglichkeit, täglich unter professionellen Bedingungen zu arbeiten. In den kommenden Jahren soll sie «die interessantesten jungen Dirigenten fördern und einem breiteren Publikum, der Fachwelt und der Presse bekannt machen». Sie hat den Ehrgeiz, «zur führenden Sommerakademie in Europa» für den Dirigiernachwuchs zu werden. Eindrücke von einem Tag der mehrwöchigen Werkstatt für junge Dirigenten.
Gut 900 Seiten zum Thema Kanon. Gemeint ist hier natürlich nicht der Kanon als kontrapunktische Form, sondern der Kanon musikalischer «Meisterwerke», ein Katalog von Kompositionen mit Vorbildfunktion.
«Der Kanon des Fachs Musikwissenschaft ist nicht die Musik schlechthin, sondern jene begrenzte Ansammlung von Werken, auf die sich das Fach als zentrale Ereignisse der Musikgeschichte und zugleich der gegenwärtigen kulturellen Prägung bezieht». (Michael Walter, S. 86) – Oder: Ein Kanon ist «die typische Organisationsform eines schriftkulturell verfassten kulturellen Gedächtnisses. Als solche ist er ebenso ein Instrument des Vergessens wie der Erinnerung». (Jan Assmann, S. 105)
09.06.2014 -- Frau Despa haut auf die Pauke. Auch die andern Mitglieder des Berner Symphonieorchesters machen kakophonen Krach, während die Gäste eintreffen, als würden sie sich ‒ jeder für sich ‒ einspielen. Frau Despa, die Paukenistin des Orchesters, traktiert ihre Kessel aber so nachhaltig, dass mit der Zeit der Groschen fällt: das hat System, das gehört zum Spiel, da wird Stimmung gemacht. Da werden die Nerven geprüft. Da wird eingestimmt auf die düstere Handlung dieser Dogville-Inszenierung der Britten-Oper «Peter Grimes». Anderes in der Reithalle des alternativen Berner Kultur- und Begegnungszentrums Reitschule, an dem in klotziger Zierschrift an der Wand noch die Bahnregeln klargemacht werden, ist weniger offensichtlich oder bloss zufällig Teil der Inszenierung.
01.06.2014 -- Das braucht schon eine gehörige Portion Chuzpe, eine zweieinhalbstündige Oper in asketischem Rahmen konzertant darzubieten ‒ wenn ihre einzige Daseinsberechtigung eingestandenermassen viel Theaterdonner, optisches Spektakel, skurrile Szenen und launische Pappkulissenatmosphäre ausmachen soll. Händels «Amadigi di Gaula» (HWV 11) ist auf den ersten Blick Spektakel pur, das Libretto «Schmarrn», wie selbst das Programmheft zum Konzert des Kammerorchester Basel (KOB) im Basler Stadtcasino einräumen muss.
02.05.2014 -- Verarmt, vereinsamt, vom Glück verlassen, die Schaffenskraft erlahmend, von Salieri oder Süßmayr oder Hofdemel vergiftet, von Freimaurern ermordet … Die romantischen Legenden und Anekdoten um seine letzten Lebensjahre und das frühe Ende holen Mozart vom Podest des Genies auf eine fassbare Nähe hinunter. Doch längst sind diese Ammenmärchen durch Fakten widerlegt – Mozart starb eines natürlichen Todes, vermutlich infolge Nierenversagens.
Dass sich in den letzten vier Lebensjahren nicht der Geist des Abschiednehmens, der Resignation über Mozarts Leben und Schaffen legte, wie vielmehr frische künstlerische Impulse wirksam wurden, Mozart sich neue Richtungen in seiner musikalischen Arbeit erschloss, energisch neue Wege erkundete, hat Christoph Wolff zum Inhalt seiner jüngsten, 2012 publizierten Studie gemacht. Sie liegt nun in sorgfältiger Übersetzung auch in Deutsch vor.
Ein ausschlaggebendes Phänomen der Menschheit ist die Migration, die Wanderung – zu Fuss oder mit Transportmitteln – zwischen Gebieten, Grossräumen, Erdteilen, Zivilisationen, Nationen. Wanderungsbewegungen spielen in der Entwicklung von Kulturen und deren wechselseitigem Austausch von Gütern und Ideen, zudem in der Ausbildung der eigenen Identität eine bestimmende Rolle.
Ins Blickfeld der musikwissenschaftlichen Forschung gerieten Migration und Remigration erst im Zusammenhang mit den politischen und gesellschaftlichen Ereignissen des 20. und 21. Jahrhunderts. Während die Reisefreudigkeit europäischer Musiker früherer Zeiten in vielen Publikationen dokumentiert, aber nicht unter dem Thema Migration abgehandelt ist, werden nun die kulturellen Austauschprozesse, die durch die Wanderbewegungen von Sängern, Komponisten, Instrumentalisten und Tänzern in Gang kamen, ausgeleuchtet und diskutiert. Nicht nur ihr Schaffen profitierte von diesen regionalen und nationalen Grenzüberschreitungen und transkulturellen Verflechtungen, auch die ortsfesten Künstler und die Verleger wurden durch Migranten in vielfältiger Art angeregt.
14.02.2014 -- Mit den drei «Kurfürstensonaten» begann der 12-Jährige in Bonn seine Auseinandersetzung mit der Klaviersonate, und nachdem er sich ein Jahrzehnt später in Wien niedergelassen hatte, legte der in der jungen Wiener Hocharistokratie als Pianist renommierte Beethoven 1796 seine ersten anspruchsvollen Werke dieser Gattung vor: die drei Sonaten op. 2. Klaviermusik wurde zu seinem ersten Markenzeichen; die Auseinandersetzung mit der Klaviersonate begleitete ihn durch alle Schaffensphasen, dokumentiert seine künstlerische Entwicklung vom frühen Wiener Stil bis zum Spätstil von Anfang der 1820-er Jahre mit den Opera 109 bis 111.
Legion sind die Untersuchungen dieses Werkkorpus, eines der meisterforschten der Gattungsgeschichte. Analytisch einlässliche Werkführer der jüngeren Vergangenheit stammen von Jürgen Uhde (1970/2012), Siegfried Mauser (2001) und Charles Rosen (2002).