Von Wolfgang Böhler
24.06.2017 -- Schon seit längerer Zeit beobachten wir eher mit Sorge die tendenzielle Verlagerung der Musikerziehung von der Schule zu externen Angeboten der Musikvermittlung. Da von den hoch subventionierten Kulturinstitutionen, den Theatern, Orchestern, Musikhochschulen, Opernhäusern, erwartet wird, sich zu legitimieren, übernehmen sie mehr und mehr diese Funktion. Die Qualität der entsprechenden Angebote steht dabei gar nicht zur Debatte, das Problem ist eher, dass sich die Deutungshoheit über die Musik für die Kinder von der Schule zu diesen Einrichtungen verlagert. Die Sehnsuchtsorte der Schülerinnen und Schüler sind damit immer weniger die lokalen Musikvereine, die partizipativ, integrierend und identitätsstiftend wirken. Vielmehr werden die professionellen, an globalen Märkten orientierten, elitären Leuchttürme zur Leitkultur.
17.06.2017 -- Musikstile spezieller Volksgruppen machen in der Regel einen Unterschied zwischen ihren eigenen Musikern und Fremden, die sich ihren Stil aneignen. Sie grenzen sich gerne ab, um ihre oftmals bedrohte Identität zu wahren. Dies ist etwa im urtümlichen Blues der Fall, im Flamenco, ganz zu schweigen von den Kunstmusiken Westafrikas oder Indiens mit ihren Musikerzünften. Auch die Musik der ostjüdischen Völker, der Klezmer, kennt diesen Unterschied. Alle diese Stile haben allerdings gerade wegen ihrer Authentizität eine emotionale Tiefe, die allgemein Menschliches zum Ausdruck bringt. Gerade die Begegnungen von Insidern und Aussenstehenden schaffen deshalb eine unversal gültige Kunst von aussergwöhnlicher Kraft, man denke etwa an Paco de Lucia und Camarón de la Isla, die für den Flamenco Massstäbe gesetzt haben. Auch der Klarinettist Helmut Eisel ist ein Aussenstehender. Ihn hat Giora Feidman, der Übervater des universalen Klezmer, angeregt, in dem Stil zu komponieren, ursprünglich für ein Konzert in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem.