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Der Dirigent

Cover Der Dirigent02.01.2014 — Bescheidener Diener der Musik oder selbstsüchtiger Pultstar? Dem Phänomen des modernen interpretierenden Dirigenten widmet Wolfgang Hattinger eine breit angelegte Untersuchung, in der er all jene wichtigen Aspekte berücksichtigt, die in der klassischen Dirigenten-Ausbildung an Hochschulen und Konservatorien höchstens am Rande thematisiert werden.

Es geht ihm weder um Schlagtechnik noch um Partiturlesen, schon gar nicht um mit Anekdoten angereicherte Biografien berühmter Orchesterleiter von Anfang des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart.

 

Cover Der Dirigent02.01.2014 — Bescheidener Diener der Musik oder selbstsüchtiger Pultstar? Dem Phänomen des modernen interpretierenden Dirigenten widmet Wolfgang Hattinger eine breit angelegte Untersuchung, in der er all jene wichtigen Aspekte berücksichtigt, die in der klassischen Dirigenten-Ausbildung an Hochschulen und Konservatorien höchstens am Rande thematisiert werden.

Es geht ihm weder um Schlagtechnik noch um Partiturlesen, schon gar nicht um mit Anekdoten angereicherte Biografien berühmter Orchesterleiter von Anfang des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart. In fünf thematisch klar strukturierten, inhaltlich miteinander vielfältig verzahnten Blöcken trägt Hattinger alle essentiellen Elemente zusammen, denen ein Dirigent in Theorie und Praxis gewachsen sein muss: von der Vorbereitung seiner Werkinterpretation über den Umgang mit Klangkörpern, Publikum und Medien, von den Problemen und Konflikten im Orchester bis zu des Dirigenten Mythos, Macht und Ohnmacht.

Grundsätzliches zum Thema musikalische Reproduktion, das jeden interpretatorisch Tätigen gleichermassen betrifft, breitet der Autor im ersten Teil, «Der Dirigent als Interpret», aus. Einem Rückblick auf die musikhistorischen Aspekte des Dirigierens, auf den modernen Dirigenten und seine Rolle im 20. Jahrhundert folgen Erläuterungen zu Fragen der Interpretation («subjektive» versus «objektive» und «neusachliche» Zugangsweise) und der Problemfelder, denen sich der Dirigent (und nicht nur dieser) stellen muss: Verhältnis zwischen Text und Werk, Offenlegung von Sinn und Gehalt einer Partitur (Analyse), Werktreue und Authentizität, das Modell der Intertextualität (alle Texte beziehen sich auf andere, nicht identifizierbare Überlieferungen), «Performance Studies» (Performanzforschung; Notentext einerseits, dessen Realisierung andrerseits).

«Der Dirigent und Konflikte» (Teil 2). Bei seiner vermittelnden Tätigkeit sieht sich der Dirigent immer wieder mit Schwierigkeiten und Spannungen konfrontiert, die einem reibungslosen Einvernehmen zwischen ihm und dem Orchester hinderlich im Wege stehen können. Wolfgang Hattinger beschreibt die berufliche Situation von Orchestermusikern, referiert aktuelle deutsche Untersuchungen und Studien zu ihrer Arbeitszufriedenheit und zum Stress-Erleben, geht gruppendynamischen und orchesterspezifischen Auslösern von Konflikten nach, im Blick stets die Besonderheiten der Kommunikation des sich primär gestisch und mimisch mitteilenden Dirigenten mit dem Orchester, die Vermeidung bzw. Entschärfung von Kontroversen. «Das vielleicht beste Ingediens für alle kommunikativen Situationen – sowohl ’normalen‘ Arbeitssitzungen als auch konfliktbeladenen – ist der Humor.» (Seite 123)

Vorbei sind die Zeiten der Taktstock-Despoten. Doch Machtausübung gehört weiterhin zum Bild des Dirigenten. Macht, verstanden als eine Wirkungsweise, die das Handeln anderer verändert, funktioniert heute auf subtilere Weise. Konzepten von Macht und deren Gesichtspunkte, die den Dirigenten betreffen, widmet sich der Autor im dritten Teil, «Der Dirigent und Macht». Macht als Archetyp (C. G. Jung), Konzepte von Macht (Max Weber, Bertrand Russell, Hannah Arendt, Niklas Luhmann, Byung-Chul Han), Phänomene der Macht (Heinrich Popitz) verbindet Hattinger mit den Anforderungen und Auswirkungen auf den Dirigenten. «Je drastischerer Mittel es bedarf, um Macht durchzusetzen, desto geringer ist sie.» (Seite 151) Aus Macht wächst im optimalen Fall Charisma – wie und unter welchen Voraussetzungen es sich im Lauf eines Berufslebens entwickelt und wirkt, ist im letzten Teil dieses Kapitels zu verfolgen.

Dass grosse Dirigenten auf sie in der Öffentlichkeit begleitende Mythen angewiesen sind und wie sie ihnen konforme Mythen selbst schaffen, analysiert Hattinger im 4. Teil («Der Dirigent als Mythos»). Er zieht die Ergebnisse und Ansichten von Wirtschaftswissenschaft, Managementforschung, Psychologie, Psychiatrie (Stichwort: Narzissmus) hinzu, stellt Überlegungen an zu diversen Mythen: der Dirigent als Mann (weshalb haben es Dirigentinnen schwerer?), Selbstsicherheit, das Primat des Musikalischen, der Mythos der Texttreue, mythenumrankte (Selbst-)Biografien, der Mythos vom Geld, das gar nicht so wichtig ist (wenn man schon Millionen auf der hohen Kante hat).

Mit welcher Umsicht und sprachlichen Differenzierungsfähigkeit der Autor Klarheit und Tiefenschärfe in Themen bringt, die schwierig zu verbalisieren sind, erweist sich auch im 5. Teil: «Der Dirigent als Medium», als Medium zwischen der Partitur und dem Klangkörper und zwischen Orchester und Publikum. Energien und Übertragungen fliessen zwischen Dirigent, Orchester und Publikum. Wolfgang Hattinger reflektiert, welche physischen, psychischen und mentalen Prozesse an den Übertragungen beteiligt sind, warum Menschen in der Lage sein können, Gefühle und Energien anderer zu erfahren. In seinen Erläuterungen beruft er sich auf Neurobiologie und Epigenetik (Spiegelneuronen), auf den besonderen Bewusstseinszustand des Flow und kommt auch auf die transzendenten, spirituellen Aspekte beim Musizieren zu sprechen.

Im 6. und letzten Teil, «Perspektive: Dirigent», fasst der Autor die wichtigsten Erkenntnisse des Buchs zusammen und skizziert Antworten auf die Frage, wie der Beruf des Dirigenten in Zukunft sich entwickeln könnte und welche Anforderungen an ihn zu stellen wären.

Wolfgang Hattinger – Professor für Musiktheorie in Graz, Gründer und Leiter des Kammerensembles «szene instrumental» und Gastdirigent verschiedene Sinfonieorchester und Opernproduktionen – vereint in seinem breit gefächerten Studien- und Lehrbuch Theorie und Anwendung auf inspirierende Weise. Meinungen, Forschungsresultate und Statistiken werden resümiert, erläutert, kommentiert und verknüpft mit der Praxis des Dirigenten, des Orchesters, den Erwartungen des Publikums. Die Zusammenschau führt zu erhellenden neuen Erkenntnissen.

Der Dirigent ist «Psychologe, Kommunikator, Musiktheoretiker, Soziologe, Historiker sowie spirituell und philosophisch Geforderter», heisst es in der Einleitung. Hattinger ist eine diese Blickwinkel einbeziehende Gesamtsicht zu verdanken, eine spannende Lektüre für alle an Musik (und an Kunst und Interpretation generell) Interessierten, eine an Einsichten und Überraschungen reiche Erkundung durch Geschichte und Gegenwart eines Musik-Metiers und seiner einflussreichsten Exponenten.

Zitat aus dem Buch:
«Music as performance» zu verstehen, macht abermals klar, dass das Verhältnis von Interpret und Werk sich vielfach verschlungen darstellt. Es ist nicht annähernd so klar getrennt, wie es die Schulanalyse glaubhaft machen könnte. Die Annahme, dass sich durch eine gründliche Analyse der vom Komponisten ins Werk gesetzte Sinn aufschlüsseln ließe, ist in ihrer Banalität nicht haltbar. Zum einen sind die Zeichen selbst nicht eindeutig und bezeichnen nicht annähernd alle Elemente, die musikalisch wirksam sind. Zum anderen löst die Geschichte die Werke aus ihrem Zeitkontext und lässt ihr einstiges Erleben und ihre einstigen Bedeutungen immer mehr in der Vergangenheit zurück. «Überlebt» haben lediglich die Noten und andere schriftliche Darstellungen der jeweiligen Zeit. Die Aufführungspraxis ändert sich permanent und die Werke sich mit ihnen. (Seite 76)
(ws)

Wolfgang Hattinger: Der Dirigent. Mythos – Macht – Merkwürdigkeiten. Gemeinschaftsausgabe der Verlage Bärenreiter, Kassel, und Metzler, Stuttgart 2013. 320 Seiten mit Abbildungen, Literaturverzeichnis und Personenregister. € 29,95. Fr. 44.90.

 

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