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01.01.2006 — Wie wird sich das Musikleben im neuen Jahr entwickeln? Es beginnt mit einer massiven medialen Mozart-Überdosis, die kurzfristig denkende Marketingverantwortliche von Konzert- und Opernhäusern (und damit praktisch alle) dazu bringen wird, kurzfristig weitere (nicht allzu lange) Mozartwerke ins Programm aufzunehmen. Ab Frühling werden die meisten reisenden Virtuosen auf einer Sonderklausel in ihren Verträgen bestehen, nach der sie eine Garantie bekommen, keine Mozartkonzerte oder Mozartmedleys und Mozartzugaben und auch keine Mozartbearbeitungen mehr zum Besten geben zu müssen. Im Frühling werden die Mitglieder eines renommierten internationalen Sinfonieorchesters in Salzburg ihre Stimmauszüge der Jupitersinfonie öffentlich verbrennen und damit zahlreiche ähnliche Aktionen rund um den Globus inspirieren.
Angesichts der bedrohlich werdenden internationalen Mozart-Aversion öffnet Wolfgang Wagner im Frühsommer in einem kühnen Spontanentscheid kurzfristig das Bayreuther Festspielhaus erstmals in seiner Geschichte für eine Mozartoper. Nach Rücksprache mit der Buchhaltung entscheidet man sich für die «Zauberflöte», weil man aus Spargründen die Bühnenbilder der laufenden «Siegfried»-Produktion recyceln kann, dabei den Drachen in eine Schlange umdeutet und den Siegfried-Darsteller – der ja nach seiner Keilerei mit dem Fabelwesen die Sprache der Vögel versteht («Hoho! Hoho! Hahei!»), sowohl als Tamino wie auch als Papageno einsetzen kann.
Nachdem Wolfgang Wagner sich weigert, die Regie wiederum Christoph Schlingensief zu übergeben, ertränkt sich dieser im Wolfgangsee.
Aus dem Tirol wird massive Kritik an der ungenügenden Belieferung aus Salzburg mit Mozartkugeln und Mozartwürsten geübt. Der Engpass wird als gezielte Intrige des Nachbarlandes gedeutet. Aus diesem Grund bittet die Salzburger Landeshauptfrau Gabi Burgstaller im Herbst in der Steiermark, die sich für 2006 zur mozartfreien Zone erklärt hat, kurzfristig um politisches Asyl.
Der «Süddeutschen» liegt ab Sommer jeden Tag ein Band der Mozartbriefe als «limitierte Sonderedition für Abonnenten» bei – jeweils garniert mit einer von Joachim Kaiser empfohlenen Gesamtaufnahme von Mozarts Klaviersonaten, aus Kostengründen von usbekischen und tadschikistanischen Nachwuchspianistinnen, worauf eine Reportage im «Stern» aufgrund von Stiluntersuchungen aufdeckt, dass es sich bei den Briefen höchstwahrscheinlich um eine Fälschung aus der Feder Utta Danellas handelt. Nachdem auch die Bäsle-Briefe den Weg zu den Lesern gefunden haben (in neuer Rechtschreibung), erreichen katholisch-konservative Kreise aus Augsburg eine einstweilige Verfügung gegen das Blatt, das allsogleich Konkurs anmeldet und von Sat1 zum Schnäppchenpreis übernommen wird.
Unterdessen laufen, initiiert von den Buchhaltungsabteilungen der Opernhäuser und von der Öffentlichkeit weitgehend unbeachtet, die weltweiten Vorbereitungen für die Feierlichkeiten zum 250. Geburtstag von Christian Ludwig Dietter (1757-1822) im Jahr 2007. Der hat auch Opern geschrieben, mit Titeln wie «Der Rekrutenaushub» oder «Glücklich zusammengelogen». Dafür kann man die Bühnenbilder getrost aus den Überresten der Requisiten zu «Don Giovanni» und «Figaros Hochzeit» zusammenstiefeln. Zu mehr wird das Budget auch nicht mehr reichen, wenn für die zahllosen Mozart-Produktionen von 2006 auch noch das Geld für 2007 durchgebracht ist. (wb)
Der Wissenschaftstheoretiker und Musikpublizist Wolfgang Böhler ist Produzent von Worldmusic- und Kammerjazz-Projekten und Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins
