Drücke „Enter”, um zum Inhalt zu springen.

Abschied von der «Hochkultur»

Von Wolfgang Böhler

 

26.08.2011 — Im deutschen Feuilleton sind in den letzten Wochen Grundsatzartikel zu Wesen und Funktion der Hochkultur in Europa erschienen. In der «Zeit» (7.7.2011 Nr. 28) hat Jens Jessen unter dem Titel «Hoch die Hochkultur!» eine Art Verteidigungsrede für die Hochkultur gehalten, als Ding der «braven Mittelschicht, aus der die Denker und Dichter, aber noch nie Glanz und Sex-Appeal gekommen sind» und die «das Odium des Spiessigen» habe. Das hat zumindest Unterhaltungswert, auch wenn es etwas nach vorgestrigem Protestantismus riecht. Auf «Spiegel online» gab’s eine intelligente Replik von Georg Diez. Über den selben Kanal hat mittlerweile auch Sybille Berg die pessimistische Klage vom Untergang des gehobenen Feuilletons erhoben.

Als Massstab, so Jessen, sei die Hochkultur keine Frage der Qualität ihrer Ausübung: Der Unterschied zwischen Nigel Kennedy und Hilary Hahn liege nicht in den virtuosen Fähigkeiten. Kennedy spiele, was sich auf dem Markt verkaufen lasse. Hahn suche demgegenüber mit äusserster Anstrengung des Geschmacks und der Interpretation aus den Noten herauszuholen, was in ihnen stecke und noch heute zu uns spreche. Die Kursivsetzung ist von uns und soll einen impliziten Wert der Hochkultur, wie sie Jessen versteht, verdeutlichen: Fleiss, Verzicht, Anstrengung, bemühendes Streben…

Haben wir’s nicht gesagt: Calvin und Zwingli blicken uns streng an. Den Himmel hat man als guter Bürger, Hochkultur muss man sich verdienen. Dafür darf man dann vom Gipfel runterschauen auf die Bequemen in der Dorfbar beim Saufen und Jassen. Jessens Pamphlet hat restaurative Tendenzen.

Jessen hat überdies die üblichen ständisch inspirierten Vorurteile. Wir zweifeln etwa, dass sich die Musik des Kennedy Quintetts (die Jessen möglicherweise nicht kennt) «auf dem Markt» verkaufen lässt, es ist origineller und sperriger Jazz für Kenner. Er behauptet überdies, dass die Popkultur letztlich von der Hochkultur ernährt werde – und vergisst, dass das Umgekehrte genauso gilt: Keine Bach-Partita ohne krude Volkstänze, keine italienische Oper ohne derbes Strassentheater.

Das Problem an der Hochkultur-Debatte ist, dass sie mit Werten statt mit Kompetenzen hantiert. Zu verteidigen gibt es tatsächlich etwas, aber eben nicht den Werkkatalog der europäischen Kulturgüter, sondern die Fähigkeiten, nach ästhetischen Prinzipien differenziert und dem jeweiligen Gegenstand des Interesses angemessen zu gestalten. Die feinen Werkzeuge, nicht die Schnitzerei.

Hochkultur als apokalyptisch inspirierte Einteilung der Welt in Erlöste und Verdammte, in Brave und Dumbe, in Feinsinnige und primitiv Lärmende, gehört auf den (Sperr-)müll des ästhetischen Diskurses. Für Hohe Kunst als gestalterische, psychologische und soziale Intelligenz hingegen sollte kompromisslos eingestanden werden.

Die einen nutzen sie dann halt zum Lärmen, die andern zum Säuseln. Wir geben’s offen zu: Der Lärm ist uns sympathischer. (wb)

Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.

Schreibe einen Kommentar