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09.11.2007 — Die stilbewusste moderne Architektur scheut Ornamentales etwa so wie Qualitätszeitungen barbusige Seite-3-Girls. Als vegtarischen Ersatz für alles, was im öffentlichen Häuser-Raum das Herz wärmen könnte, gibt’s dafür Kunst am Bau. Das sind in der Regel mehr oder weniger geschmackvolle ästhetische Interventionen, die − nebenbei erwähnt − für die bildenden Künstler eine nicht unerhebliche Einnahmequelle darstellen. Derartige Installationen können auch akustischer Natur sein, wie frisch präsentierte Projekte in Zürich und Genf beweisen. Dass die Zürcher die Pressemitteilung zu ihrem realisierten Vorhaben mit «europaweit einzigartige Kunst» übertiteln, mag angesichts der nicht ganz deckungsgleichen Absichten in der Deutsch- und der Westschweiz zu rechtfertigen sein. Nichtsdestotrotz spiegelt es einen etwas autistisch anmutenden Mangel an Neugier gegenüber den Entwicklungen im französischsprachigen Teil der Schweiz.
Es ist auch eine verpasste Chance: Man hätte ja − zum Beispiel unter dem Motto «Das Ohr und der städtische Raum» − eine die Sprachregionen übergreifende Diskussion darüber anreissen können, was für eine Rolle dem Hören im öffentlichen Raum zukommt. Darauf, dass da einiges im Argen liegt, haben wir an anderer Stelle bereits hingewiesen (siehe Dossiertext).
Worum geht es in «Downtown Switzerland» Zürich? Das Künstlerduo Yves Netzhammer und Bernd Schurer hat für Quartier-Schulhäuser akustische Landschaften kreiert. Ihre Installation «Hörlandschaften / Soundscapes» versieht drei Schulhauskomplexe mit Geräuschwelten aus dem Tierreich. Im Hirzenbach stammen sie aus dem Wasser, in Luchswiesen vom Land und im Falletsche aus der Luft.
Die Geräuschkulissen werden von einem Computerprogramm generiert. Als Input dienen lichtempfindliche Sensoren in den Korridoren der Häuser. Die virtuelle Fauna der Landschaften hat einen eigenen Tages- und Jahresrhythmus, ist den Menschen gegenüber aber genauso zurückhaltend wie ihre realen Gegenstücke: Wer sich in einem Raum länger aufhält und sich dabei möglichst still verhält, bewirkt, dass die Tiere aktiver und damit geräuschvoller werden. Dies bietet für die in der Regel recht lärmigen Schulkinder einen grossen Anreiz, sich für einmal zurückzunehmen, um zu einem akustischen Erlebnis vorzustossen. Clever gemacht. Zu dem Projekt gibt es eine Dokumentation, die beim Zürcher Amt für Hochbauten bestellt werden kann.
In Genf hat der Künstler Alexandre Joly unter dem Motto «Le Bruit des Ouches» für das Umfeld des Schulhauses Les Ouches einen «Jardin sonore», einen klingenden Garten, erschaffen. Er soll Begegnungen zwischen Schülern und Bewohnern des umliegenden Quartiers stimulieren. Akustische Installationen − zum Beispiel Buschhäuschen, aus denen über Röhrensysteme «telefoniert» werden kann − animieren zur sozialen Interaktion. In Gegensatz zu optischen Objekten, die bloss zum passiven Betrachten einladen, vermögen solche Horchsysteme den aktiven Austausch anzuregen.
Die beiden Projekte in Zürich und Genf zeigen, dass das Bewusstsein für die akustische Umgebung steigt, und das ist gut so. Bleibt zu hoffen, dass weitere Städte den Mut haben, ihre urbanen Räume nicht nur optisch, sondern auch akustisch bewusst zu gestalten. (wb)
Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.
