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Aspekte des Begriffs der Virtuosität

14.02.2005 — Die im Schott-Verlag erschienene Aufsatzsammlung «Musikalische Virtuosität» ist der erste Band einer neugegründeten Reihe. Das Staatliche Institut für Musikforschung will damit seine historische Forschungstätigkeit mit der Arbeit des Musikinstrumenten-Museums Berlin «stärker verzahnen». Der nächste Band der Reihe wird sich etwa der Frage annehmen, ob noch in der Klaviermusik des frühen Beethoven mit ungleichstufigen Temperaturen zu rechnen sei. Die Beschäftigung mit dem weit ausgreifenden Begriff der Virtuosität kann deshalb als eine Art Präliminarie für die kommenden konkreteren Arbeiten zur Instrumentalgeschichte verstanden werden. Und noch etwas ist gut zu wissen: Der grösste Teil der in dem Eröffnungsband der Reihe vorfindlichen Aufsätze sind für ein Symposium zum Thema «Virtuosität» an der Universität der Künste Berlin verfasst worden.

Dem Band fehlt aufgrund dieser Entstehungsgeschichte auf der einen Seite etwas die thematische und methodische Geschlossenheit. Dies ist aber auch eine Konsequenz aus der Vielschichtigkeit des Themas, das soziologische, instrumentaltechnische, ästhetische, ethnomusikalische und historische Aspekte des Musizierens gleichermassen umgreift. So ist es bei einem solchen Projekt nicht einfach, zu entscheiden, welches Publikum letztlich erreicht wird. Vermutlich werden die meisten, die mit Musik beruflich zu tun haben, den einen oder andern Artikel in dem Buch finden, der gerade sie interessieren dürfte. Auf der andern Seite bringen einzelne Beiträge Einsichten zum praktischen Musizieren, die unabhängig von der jeweiligen Interessenlage zum Denken anregen.

Verblüffend und fast ein wenig ketzerisch wirken etwa die Überlegungen im Umfeld der Geschlechterforschung – neudeutsch «Gender Studies» genannt –, ob der Virtuose ein «weiblicher» Künstlertypus verkörpere, der «keine Sache darstellt, sondern sein Ich zur Schau stellt», wie es laut Beatrix Borchard in «Der Virtuose – ein ‚weiblicher’ Künstlertypus?» der Kritiker Wilhelm Joseph von Wasielewski dem Geiger Joseph Joachim unterstellt. Borchard, und Cornelia Bartsch in «Virtuosität und Travestie – Frauen als Virtuosinnen», zeichnen ein differenziertes und komplexes Bild der Zusammenhänge zwischen Künstlertum, Eitelkeit, Vergeistigung und Geschlecht und den damit verknüpften Vorurteilen, denen Musikerinnen vor allem im 19. Jahrhundert ausgesetzt waren.

Der praktische Musiker wiederum dürfte einige Anregungen aus den Beiträgen ziehen, die sich mit konkreten Werken befassen: mit Orgelsonaten Mendelssohns (Christian Martin Schmidt: «Anmerkungen zu den Orgelsonaten op. 65 von Felix Mendelssohn Bartholdy»), Chopins Klaviermusik (Janina Klassen: «Die Aufhebung von Zeit und Ort»), den Abegg-Variationen Schumanns (Mathias Hansen: «Anmerkungen zu den Abegg-Variationen und ihrem kompositorischen Umfeld») oder dem beinahe vergessenen Oeuvre Alkans (Wolfgang Rathert: «Virtuosität im Werk von Charles Valentin Alkan»). Eher Ratlosigkeit erzeugt hingegen die Tatsache, dass eine explizit als «gescheitert» bezeichnete Analyse von Frescobaldis Toccaten Einzug findet. Dass der Autor Clemens Kühn in zwei Jahren zu keiner konziseren Darstellung seiner Befunde findet, ist bedauerlich und strapaziert die knapp bemessene Zeit der Leser.

Allgemeine didaktische Aspekte, die ebenfalls praktische Hilfestellungen bieten, finden sich in den Artikeln von Ulrich Mahlert («Carl Czernys Didaktik der Virtuosität»), Linde Grossmann («Der geborene Virtuose?») und Reinhard Kopiez («Virtuosität als Ergebnis psychomotorischer Optimierung»). Letzterer mutet sprachlich etwas gar hölzern an, was angesichts der Sorgfalt, die da auf interessante und originelle Versuchsanordnungen zum Ermitteln von physiologischen Grenzen angewandt wird, durchaus zu bedauern ist.

Ein gute Idee war es, die Sammlung um Beiträge zur Virtuosität in der Rockmusik (Peter Wicke «Virtuosität als Ritual») und in der nordindischen Kunstmusik («Magic Carpet Sound») zu ergänzen. Der Indien-Beitrag stellt ein eigentliches Kompendium der Tabla-Technik dar. Den Blick über den europäischen Zaun hätte man etwa auch mit Anmerkungen zur Virtuosität in der japanischen Musik ergänzen können, zum Beispiel mit Überlegungen zum Spiel der Shakuhachi, bei dem sich Virtuosität gerade nicht als exhibitionistische Fingerfertigkeit, sondern als eine Art überhöhte Perfektion des existenziellen Ausdrucks äussert. Auslassungen sind bei einem derart ausgreifenden Thema aber naturgemäss einfach zu finden, und so wäre es unfair, sie zu Vorwürfen an die Herausgeber umzuschmieden. (wb)

Heinz von Loesch, Ulrich Mahlert, Peter Rummenhöller (Hsg.): Musikalische Virtuosität; herausgegeben im Auftrag des Staatlichen Instituts für Musikforschung, Berlin – Stiftung Preussischer Kulturbesitz. Band 1 der Reihe «Klang und Begriff – Perspektiven musikalischer Theorie und Praxis», 274 Seiten, Schott, 2004, ISBN: 3-7957-0505-3, Listenpreis 39,95 €.

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