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28.03.2005 — Anfang der 1990er-Jahre realisierte der Autor dieses Editorials für eine Schweizer Tageszeitung ein Interview mit dem Harvard-Philosophen Willard Van Orman Quine. Damals wurde er noch mit Leserbriefen bedient, die dem Nestor der amerikanischen Denker absurderweise propagandistische Agitation unterstellten. Als Publizist konnte er sich in den Folgejahren auf zahlreichen Reisen zu den Hitec-Zentren in den USA aber auch ein Bild von der unbekümmerten Dynamik der New Economy machen. Damals ahnte er noch nicht, was für eine stürmische Entwicklung die globale Vernetzung durchmachen und wie sehr sich das Verhältnis zwischen Amerikanern und Europäern ändern würde.
Angesichts der nackten Gier, die in dieser Zeit um sich griff, schien gesundes Misstrauen angebracht, und tatsächlich mussten wir aus nächster Nähe miterleben, wie Kollegen, die das grosse Geld schon in der Armani-Hosentasche zu haben glaubten, mit selber gegründeten Dotcoms auf die Nase fielen.
Der Grosse Sturz wurde befördert durch die Terroranschläge vom 11. September 2001. Die Auswirkungen behindern bis heute den internationalen Austausch, der während den glanzvollsten Zeiten des Internethypes zu den angenehmeren Erscheinungen des modernen Lebens gehörte. Die geänderte Stimmung haben wir zu spüren bekommen, als letztes Jahr eine geplante Teilnahme an einer Fachkonferenz zu Musik und Kognition an der Northwestern University an der amerikanischen Visabürokratie scheiterte. Während sich die Chicagoer Kongressorganisation überaus korrekt, freundlich und verständnisvoll verhielt und einbezahlte Gebühren anstandslos zurückerstattete, kann der Behandlung, die uns durch die US-Botschaft zuteil wurde, nur dann etwas Positives abgewonnen werden, wenn man sie als Beitrag zur Schulung der Charakterstärke versteht.
Politisch hat sich das Verhältnis zwischen Alter und Neuer Welt spürbar abgekühlt. Paradoxerweise ist auf der andern Seite die Akzeptanz für die nüchtern-empiristische Art der Amerikaner, Philosophie zu betreiben, hierzulande stark gestiegen. Die Internetbranche wiederum hat zum Glück endlich zum menschlichen Mass gefunden. Das ist möglicherweise eine schlechte Nachricht für Venture-Capitalisten. Die Zeit, die das Gemüt des Homo sapiens braucht, um sich mit einer neuen Technologie anzufreunden, geht nämlich weit über die lächerlich wenigen Jahre hinaus, innerhalb derer Geldgeber eines Jungunternehmens mit einer saftigen Internal Interest Rate – sprich: mit üppigen Gewinnen – rechnen können wollen. Es ist aber eine gute Nachricht für alle, die damit auf eine solide, gesunde und menschengerechte Entwicklung im Webgeschäft setzen.
Das weltweite Netz öffnet auch dem allgemeinen Musikbetrieb Perspektiven, die weit über stylishe Peer-to-Peer-Netze und Quasselseiten für die Konsumbedürfnisse unserer Kiddies hinausweisen. Statt ins zur Zeit allgemein grassierende Lamentieren über die Krise zu verfallen, leisten wir deshalb lieber einen konstruktiven Beitrag zur allgemeinen Beförderung des Kulturlebens als Ernstfall der lustvollen Erkenntnismehrung.
An der diesjährigen Musikmesse in Frankfurt sind wir zwar nicht mit einem Stand vertreten. Wir sind aber vor Ort und freuen uns über jede Begegnung. Wenn Sie etwa mehr darüber erfahren möchten, welche Perspektiven Ihnen das Onlinebusiness öffnen könnte und was wir von Verlagsseite dank unserer Erfahrung als Internauten der ersten Stunde für Sie tun könnten, um Ihnen die Türen dazu ebenfalls zu öffnen, oder wenn Sie ganz einfach neugierig sind, wer hinter Codex flores steckt, dann zögern Sie nicht, mit uns Kontakt aufzunehmen. Für ein informelles Gespräch während der Messe genügt ein Mail an redaktion@codexflores.ch. (wb)
Der Wissenschaftstheoretiker und Musikpublizist Wolfgang Böhler ist Produzent von Worldmusic- und Kammerjazz-Projekten und Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins
