17.08.2007 — Johann Sebastian Bach war, es ist bekannt, gegen Mitte des 18. Jahrhunderts für die meisten ein Auslaufmodell. Bis sein Schaffen über den engeren Kreis seiner Heimat hinaus in der ganzen Fülle und Bedeutung im Musikleben verankert war, dauerte es Jahrzehnte. Über Mittel- und Norddeutschland breitete sich sein Ruhm vorerst nach England aus; in der Schweiz kam der Durchbruch für Bachs Musik in der öffentlichen Wahrnehmung allerdings spät, erst gut hundert Jahre nach seinem Tod. Zu erwähnen ist allerdings, dass in Zürich früheste verlegerische Initiativen durch Hans Georg Nägeli Ende des 18. Jahrhunderts Früchte trugen.
Als gemeinsame Veranstaltung des Musikwissenschaftlichen Instituts der Universität Zürich und der Zentralbibliothek Zürich wurde im Frühjahr 2003 das Symposion «Bach-Rezeption in der Schweiz» durchgeführt. Der vorliegende Band versammelt 15 der dort zur Diskussion gestellten Beiträge.
Unter dem Titel «Anfänge» gruppiert sind die Referate von Peter Wollny (Bach-Rezeption in der Schweiz im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert), Urs Fischer (Bach-Rezeption im Zürcher Konzertleben des 19. Jahrhunderts), Dominik Sackmann (Zur Geschichte der Basler Bach-Rezeption), von Stephan Thomas (Die Rezeption von Bachs Orgelschaffen in der Schweiz) und von Norbert Graf (Bachs 250. Geburtstag in der Schweizer Presse).
Folgenreichen Auseinandersetzungen mit Bach im 20. Jahrhundert widmen sich unter dem Titel «Ansichten» Luitgard Schader (Ernst Kurths Bach-Bild) und Wolfgang Kersten (Paul Klee, Bach und Pierre Boulez).
Der dritte Teil, mit «Aneignungen» überschrieben, bringt die Essays von Michael Heinemann (Zur Bach-Rezeption Theodor Kirchners), Andres Briner (Frank Martins Auseinandersetzung mit Bach), Ulrich Konrad (Bach in Musikanschauung und Werk Arthur Honeggers), Hans-Joachim Hinrichsen (Bach, Ernst Kurth und Othmar Schoeck), Laurenz Lütteken (Bach und Willy Burkhard), von Giselher Schubert (Hindemiths Bach-Rezeption im seriellen Jahrzehnt), Felix Meyer (Beispiele kompositorischer Bach-Rezeption nach 1950 bei Julien-François Zbinden, Klaus Huber und Christoph Delz) und von Rudolf Kelterborn (Plädoyer für eine kritische und kreative Auseinandersetzung mit Bachs Musik).
Die Beiträge fügen sich zu Stationen einer abwechslungsreichen Entdeckungsreise und zuweilen detektivischer Spurensuche zu Sammlern, Interpreten, bildenden Künstlern, Musikwissenschaftlern, Notenverlegern, zum öffentlichen und privaten Musikleben in Stadt und Land samt lokalhistorischen Komponenten.
Der an Informationen und Analysen reiche Band schliesst mit den Autorenbiografien, dem Personenregister und dem Verzeichnis der erwähnten Werke Bachs. (ws)
Urs Fischer / Hans-Joachim Hinrichsen / Laurenz Lütteken (Hrsg.): Nähe aus Distanz. Bach-Rezeption in der Schweiz. Mit Notenbeispielen und Illustrationen. Amadeus Verlag, Winterthur. 336 Seiten. € 38,–. Fr. 62.–.