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Bachs Klavier- und Orgelwerke. Das Handbuch

21.05.2008 — Was einst selbstverständlich war, ist es heute nicht mehr: die getrennte Erforschung der Klaviermusik und der Orgelwerke Johann Sebastian Bachs. Durchgesetzt hat sich die Erkenntnis, dass Bachs Kompositionen für Tasteninstrumente ein Ganzes bilden, dass er in allen zeitgenössischen Gattungen und Formen (ausgenommen die Suite) Werke schrieb, die sich – mit oder ohne Pedal – sowohl auf der Orgel wie auf Saitenklavieren spielen lassen.

Der im Rahmen des siebenbändigen Bach-Handbuchs im Laaber-Verlag erschienene Band 4 ist nun die erste umfassende Publikation, die Bachs Schaffen für Tasteninstrumente – also für Orgel, Cembalo, Spinett, Clavichord, Pedalclavichord (ein Kapitel ist auch den Werken für Lauteninstrumente gewidmet) – vereint bespricht und nicht zuletzt aus dieser Perspektive neue Einsichten gewinnt. Dementsprechend aussagekräftig werden die Bezeichnungen pedaliter (mit Pedal) und manualiter (ohne Pedal).

Zusammengefunden zur Realisierung dieses Grossunternehmens in Sachen Bach haben sich unter der Leitung von Siegbert Rampe (der auch für einen erklecklichen Teil als Verfasser zeichnet) weitere 14 Autoren. So imposant der Umfang des Opus – über 1100 Seiten, gegliedert in die Teilbände I und II –, so beeindruckend der Inhalt.

Er bietet, Bachs Biografie folgend, einen Gesamtüberblick über das Korpus seiner Tastenmusik in ihren Gattungen, Formen und Funktionen von den ersten erhaltenen Präludien, Fantasien und Fugen des jungen Komponisten bis zu den letzten Schöpfungen des Meisters, dem Musikalischen Opfer, den Schübler-Chorälen, der Kunst der Fuge.

Einer der Akzente liegt in der Analyse vieler Kompositionen. Herausgeber Siegbert Rampe (Musikwissenschaftler und Professor für Cembalo, Orgel und Hammerklavier) unterstreicht im Vorwort, dass der Band «für Bachs Tastenmusik ein Stück weit aufzuholen versucht, was nach dem Zweiten Weltkrieg […] meist auf wenige Einzelstudien beschränkt geblieben ist: ein Verständnis von Bachs Intentionen als Komponist, der konstruktiven Bestandteile seiner Musik und deren historische Einordnung in die Geschichte der Gattungen. Es geht darum, Bach nicht primär als überragendes Universalgenie zu begreifen, sondern seine Kunst aus seinem musikalischen Alltag und Umfeld heraus als mitteldeutscher Organist, Kapellmeister, Kantor und Lehrer zu erklären.»

Zur Werkanalyse und -einordnung, die sich auch auf bisher als zweifelhaft oder unecht eingestufte Kompositionen erstreckt und in manchen Fällen mit neuen Einsichten aufwartet, gesellt sich der sozialgeschichtliche Aspekt mit Erkenntnissen zu Musik und Instrumenten, werden die Funktion des einzelnen Werkkomplexes und die konkreten Umstände jener Epoche (wirtschaftliche und soziale Bedingungen, Musikhandwerk, Berufs- und Laienmusiker, Unterrichtsliteratur, Auftraggeber, Verlage) untersucht.

Das Handbuch geht nicht nur auf Ansprüche von Musikwissenschaftlern und Musikliebhabern ein, ohne allerdings vertieftes Fachwissen vorauszusetzen, sondern bietet auch dem Musikpraktiker, sei er Cembalist, Organist oder Pianist, mancherlei fundierte Anregung. Grundlage bei Besprechung und Analyse ist die Neue Bach-Ausgabe NBA, weshalb auf Notenbeispiele weitgehend verzichtet worden ist.

Sowohl im Einführungsteil wie in einzelnen Kapiteln finden sich Erkenntnisse zur Aufführungspraxis der Bach-Zeit. Zudem befassen sich einige Beiträge mit grundlegenden Parametern des Vortrags (Takt und Tempo, Artikulationsprobleme, Ornamentik); thematische Schwerpunktthemen gehen ein auf Instrumentenkunde (Geschichte und Bauweise von Saitenklavieren und Orgel), auf die Orgelregistrierung und die Bachsche Temperatur. Selbstredend sind diese Einsichten und Anregungen auch ergiebig für Interpreten der Musik (nicht allein jener für Tasteninstrumente) von Zeitgenossen Bachs.

Im Mittelpunkt stehen die Werke, doch die damit zusammenhängenden Themenkomplexe greifen weit aus. Einige Stichworte: Entstehungsgeschichte, autographe Überlieferung, Original und Bearbeitung, Revisionsgänge, quellenkritische Untersuchungen, Fragen der Echtheitskritik, Probleme der Zuschreibung, Vertrauenswürdigkeit von Sammelhandschriften, Musikalienherstellung und -publikation, Musikpraxis im Gottesdienst, Zweige der Bach-Forschung, Bach-Rezeption im 19. und 20. Jahrhundert.

Die Fülle des Materials zu Bach, seinem Lebens- und Arbeitsumfeld, seiner Tastenmusik und zu den zeitgenössischen Bedingungen ist klar gegliedert und sprachlich eloquent formuliert. Zum Thema Sorgfalt gehört inhaltlich, dass den erwähnten Komponisten die Lebensdaten durchwegs beigegeben und dass Verweise nicht im Übermass eingesetzt wurden. Bezüglich Layout überzeugen der angenehm grosse Schriftgrad, die praktische Platzierung der Anmerkungen in der inneren Marginalspalte und die informative Auswahl der Illustrationen.

Erste Orientierung verschafft das detaillierte Inhaltsverzeichnis, in dem sich in der Marginalspalte die entsprechenden BWV-Nummern finden. Gezielten Zugriff erlauben das Register der erwähnten Kompositionen Bachs nach dem BWV und das Personenregister. Das Werkverzeichnis im Anhang listet die im Band vorkommenden Werke auf; die Titel sind ergänzt mit den Bezeichnungen manualiter bzw. pedaliter. Zudem aufgeführt sind die Fundstellen der Werke in der NBA und in deren Kritischen Berichten. Bestandteil des Anhangs ist auch das umfangreiche Literaturverzeichnis (Quellen, Sekundärliteratur, Notenausgaben).

Der Band, der alle relevanten Aspekte des Œuvres in seinem Kontext berücksichtigt, widerspiegelt den aktuellen Stand der Forschung samt offenen Fragen und vereint die Qualitäten eines musik- und kulturgeschichtlichen Lesebuchs mit jenen eines anregenden Studienbuchs und – nicht zuletzt – eines ergiebigen Nachschlage- und grundlegenden Referenzwerks. (ws)

Siegbert Rampe (Hrsg.): Bachs Klavier- und Orgelwerke. Das Handbuch. Mit Geleitworten von Ton Koopman und Gustav Leonhardt. 2 Bände (Band 4, Teilbände 1 und 2, des Bach-Handbuchs in 7 Bänden), zusammen 1127 Seiten mit 42 Abbildungen und 41 Notenbeispielen sowie einem Werkverzeichnis. Laaber-Verlag, Laaber 2007. € 168,–. Fr. 284.–.

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